Ich sage 'mal ein paar grundlegende Dinge dazu, warum der Roman so ist, wie er ist. Und da ich mir gerade eine Wasserpfeife gestopft habe, habe ich dafür auch Zeit...
Die Geburt war ein einer sehr schwierigen Lage. Der erste Roman der Reihe, Lechvelian, sollte in erster Linie durch einen in einschlägigen Kreisen bekannten Autoren die MIDGARD-Romanreihe einem breiteren Publikum öffnen. Aus diversen Gründen hat dies nicht funktioniert, und dann kam die lange Pause wegen des Verlagswechsels hinzu. Es hat aber sicherlich nicht geholfen, dass Ralph Sander eine Idee, die er bereits in einer Kurzgeschichte verbraten hatte, auf Romanlänge zog und dann einige MIDGARD-Bezüge darüber klebte (im Original wollten die Protagonisten von Alba in die Tegarische Stelle reiten...), die nicht immer passten. Das ist aber ein bekanntes Problem, das auch die DSA- und D&D-Romane anfangs hatten (entweder gute Romane mit marginalem Bezug zur Welt, oder Romane von Rollenspiel-Insidern, die über der Weltbeschreibung die Handlung vernachlässigten) Nur "funktionierte" Lechvelian leider auf keiner der beiden Ebenen so richtig...
Der Roman von Alex war nach der ursprünglichen Planung als zweiter Band dazu gedacht, mehr in das eigentliche MIDGARD einzuführen. Das tut er ja auch, aber an sich ist er nun nicht mehr der zweite Band, sondern der erste, da Lechvalien nicht nur in einem anderen Verlag erschien, sondern auch anders aufgemacht war und auch schon etwas länger her ist. . Diese Situation war also nur bedingt einfach für diesen "Neustart" bei Pegasus.
Als Fantasy-Roman im klassischen Sinne ist die Geburt am Anfang langatmig und führt Elemente ein, die nicht zwingend notwendig sind. Diese sind zwar, wie ich vor ein paar Seiten schon schrieb, notwendig, um Tebals Wandlung zu illustrieren, hätten aber in dieser Ausführlichkeit nicht sein müssen. Wäre dies ein "normaler" Fantasy-Roman gewesen, hätte ich ihn auch viel stringenter lektoriert und brutal gekürzt. Er hätte dann in der Tegarischen Steppe begonnen, und die Vorgeschichte der Charaktere wären in (kurzen) Rückblenden erzählt worden. Dann allerdings fiel mir auf, dass die meisten der Nicht-MIDGARD-Querleser, die wegen des Autors den Roman kaufen (sollen), Alex als DSA-Autoren kennen (immerhin zwei Romane; hinzu kommen zwei Kurzgeschichten, eine in einem Tolkien-Band und eine in einer Halloween-Sammlung). Der typische DSA-Roman-Leser nun ist Bände mit vielerlei Bezügen zur Spielwelt und Handlungen gewohnt, die oft gegenüber der Hintergrundwelt in die zweite Reihe treten müssen (man lese einen Roman von Uli Kiesow, um zu wissen, was ich meine; das gleiche gilt z.B. für die D&D-Romane von Ed Greenwood). Also lag Alex' Roman da gar nicht falsch.
Es ist m.E. nicht korrekt, dass er keinen Spannungsbogen hat; er erhält ihn nur eher spät. Die Ereignisse in der Tegarischen Steppe haben ihren Handlungsbogen, der teilweise (und das in gar nicht ungeschickter Form) auf die Ereignisse der ersten beiden Teile des Romans zurück greift. Gerade die Beziehung zwischen Orystos und Tebal ist rückblickend nur über alle drei Teile des Romans vreständlich und wäre nicht so gut heraus gekommen, wenn ich die ersten beiden Teile zusammen gestrichen hätte.
Teile des Anfangs sind sicherlich, vom Standpunkt eines Hintergrundwelt-freien Romans, überflüssig. Alchessamiore ist eine Vorbeugung vor dem, was Alex schon geschrieben hat, und die Verheerung von Weset ist ein Bonbon für den MIDGARD-Leser, der eine Lcke im bisherigen Kanon des Rollenspiels füllt. Gleiches gilt für den Untergang von Thalassa, der allerdings in einem (verkürzten) Rückblick auch gut aufgehoben gewesen wäre.
Allerdings: Es waren in erster Linie die MIDGARD-Spieler, die von Lechvelian enttäuscht waren. Also war der Plan, in erster Linie auch den MIDGARD-Lesern hier etwas zu bieten, gleichsam als Wiedergutmachung. DSA-Leser hingegen werden feststellen, dass die Geburt ungefähr das gleiche Erzähltempo hat wie Alex' Erstling, Die Hand der Finsternis (die fängt auch eher gemütlich an, so wie ein Dieslmotor, oder, wie Alex gern zu sagen pflegt, wie Der Herr der Ringe, nur dass der ungefähr 200 Seiten braucht, bis er auf Touren ist).
Dieses Verhältnis wird sich mit weiteren Publikationen auch wieder verschieben. Die Kurzgeschichtensammlung eröffnet mit der Titel gebenden Novelle von Alfred Bekker, einem weiteren namhaften Fantasy-Autoren (200.000 Anschläge, also halbe Lechvelian-Länge), die zwar einen deutlichen und natürlichen (nicht aufgesetzten) MIDGARD-Bezug hat, aber nicht so tief in die Hintergründe der Welt eingeht und auch ohne Vorkenntnisse genießbar ist. Der Band enthält zudem noch andere "bekannte" Namen (z.B. Christel Scheja), die wenig mit MIDGARD zu tun haben, aber trotzdem spannende und atmosphärische Geschichten abgeliefert haben. Dann wiederum sorgen Alex, Isolde Popp und auch eine kleine Geschichte von mir dafür, dass auch die "MIDGARD-Prominenz" vertreten ist. Eine m.E. gelungene Mischung also.
Auf Dauer kann sich die Buchreihe nicht halten, wenn sie sich nur an den MIDGARD-Spieler wendet; aber wir dürfen den MIDGARD-Fan auch nicht vernachlässigen, und dieser Eindruck war nach Lechvelian an manchen Orten entstanden. Auf Dauer ist eine Balance zwischen Rollenspiel und Fantasy-Roman geplant. Der auf die KG-Sammlung folgende Band, Die Drachenschwinge, ist zwar auch von einem MIDGARD-Spieler (Bernd Spilker), der allerdings auch bereits einen Roman veröffentlicht hat und der eine Geschichte erzählt, die sich auf weitaus weniger Ebenen beschränkt als die Geburt.
Rainer