Die ganze Diskussion spricht mir aus der Seele. Die fand in verschiedenen Varianten schon häufiger in meinen Runden statt.
Zunächst einmal: Folgt man den offiziellen Regeln buchstabengetreu, gibt es kaum noch Situationen, in denen gezielte Hiebe schlechter sind als ungezielte. Selbst für niedriggradige Kämpfer sind gezielte Hiebe, entgegen der kursierenden Gerüchte, besser als ungezielte, zumindestens wenn es das Ziel der kämpfenden Figur ist, den Gegner lediglich kampfunfähig zu machen bzw. in die Flucht zu schlagen. Ein gezielter Hieb aufs Bein reicht da schon. Ebenso dem Ziele förderlich wäre es, dem Gegner alle AP zu rauben. Geht man mal leicht vereinfachend davon aus, daß ein kritischer Treffer dreimal so gut ist wie ein schwerer (weil ich grob gesagt drei schwere Treffer brauche, um einen ähnlichen Effekt zu erreichen wie ein einziger kritischer Treffer) und ein leichter Treffer wiederum dreimal so gut wie ein schwerer (wenn "alle AP rauben" auch ein Ziel ist, und der Gegner vielleicht so ca. dreimal so viele AP wie LP hat...), dann ergeben sich die folgenden Bewertungen:
Bei Angriff +7 gegen Abwehr +11 ist ein gezielter Hieb 34 % besser als ein ungezielter (das wäre also typischerweise Gr1 vs. Gr1).
Bei Angriff +18 gegen Abwehr +16 ist ein gezielter Hieb 74 % besser.
Bei Angriff +18 gegen Abwehr +11 ist ein gezielter Hieb 110 % besser.
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Bei Angriff +7 gegen Abwehr +16 ist ein gezielter Hieb 6 % besser.
Es stimmt also, daß bei hohem EW:Angriff, möglichst noch gegen eine geringe Abwehr, der gezielte Angriff noch effektiver wird, aber selbst als Underdog gegen Hochgradler ist die gezielte Hieb immer noch ein wenig besser.
Jenseits aller Zahlenspielereien kann man sich die Sache klarmachen, daß häufig der wichtigste Effekt eines Treffers eben nicht unbedingt der mögliche LP-Verlust ist, sondern der AP-Verlust oder die Möglichkeit, daß es einen kritischen Treffer gibt. Letzteres ist gerade bei niedrigem EW besonders relevant. Und an der Wahrscheinlichkeit, einen kritischen Treffer zu landen, ändert sich nichts, wenn man gezielt zuschlägt. Hier setzen unsere Hausregeln an. Ich zitiere:
Während bei echten kritischen Treffern kein LP-Verlust einzutreten braucht (allerdings muß das Opfer AP verlieren) [DFR 243], um die in Tabelle 4.5 beschriebenen Auswirkungen hervorzurufen, gilt diese Regel bei gezielten Hieben nicht. Ein gezielter Hieb erzielt nur dann den gewünschten kritischen Schaden, wenn das Opfer mindestens 1 LP verliert (ahnlich wie beim Meucheln) oder wenn der EW:Angriff einen kritischen Erfolg ergeben hat und der zweite WW:Abwehr mißlungen ist. Gelingt allerdings der zweite WW:Abwehr, so ist der angerichtete Schaden auf jeden Fall nur leicht, selbst wenn der EW:Angriff einen kritischen Erfolg ergeben hat.
Später heißt es dann:
Mit den hier vorgenommenen Regländerungen wird dieser Mißstand dadurch behoben, daß ein Kampfer, der einen gezielten Hieb landen will, auf die Chance verzichtet, durch diesen Hieb an anderer Stelle kritisch zu treffen. Durch die Bedingung, daß kritischer Schaden nur bei LP-Verlust eintritt, werden die verheerenden Möglichkeiten eines gezielten Hiebs weiter eingeschrankt. Ein
"echter" kritischer Treffer simuliert gewissermaßen das Zusammentreffen (un)glücklicher Umstande, was nicht unbedingt gezielt herbeizufuhren ist.
Es geht dann noch ein bißchen weiter mit Ausführungen, wie und wann man sich als Ziel des gezielten Agriffs überhaupt "100: Tödlicher Treffer" aussuchen kann. Das war in früheren Versionen der Hausregeln sogar noch elaborierter (mit EW:Meucheln und dergleichen) und diente alles dazu, daß man einen Gegner zwar immer noch mit einem Schlag kampfunfähig machen kann, aber nicht mehr so einfach töten kann. Das dient vor allem dem Schutz der SpF, die ja selbst häufig nur an der Kampfunfähigkeit ihrer Gegner und nicht so sehr an ihrem Ableben interessiert sind, während es sich umgekehrt durchaus anders verhalten kann. Mit M4 kam dann ja die Schicksalsgunst, die das Problem auf andere Art und Weise gelöst hat. Wie in diesem Strang schon geschildert, komme ich mir komisch vor, wenn NSpF nicht alle ihre (regeltechnisch) gegebenen Möglichkeiten ausnutzen, um an ihr Ziel zu gelangen. Wenn man damit aber ständig das Leben der SpF an den seidenen Faden einiger weniger Würfelwürfe hängt (insbesondere in Situationen, wo die SpF gar nicht die Möglichkeit hatten, etwas von dem Risiko zu wissen und dementsprechend konservativer zu handeln - also typischerweise Hinterhalte und dergleichen), hat das einen bitteren Beigeschmack.
Insgesamt sollte ein gezielter Hieb eine interessante taktische Möglichkeit sein, aber eben nicht ein "no brainer" - und auch nicht geeignet sein, ständig SpF ohne deren Zutun um die Ecke zu bringen.