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Blog Serdo

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Die Kunst der kleinen Umwege

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Serdo

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Es ist ein verregneter Dienstagmorgen. Die Sonne traut sich noch nicht hervor. Kein Wunder, es ist ja auch erst fünf Uhr früh. Mich hingegen treibt die Eile aus dem Bett, denn ich will ja gut aussehen, wenn ich zum ersten Mal den Kunden besuche. Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Ich bin schon sehr gespannt. Diesen Monat trat ich den neuen Job als IT-Berater in Hamburg an und soll mich gleich mit den Gegebenheiten beim Kunden vor Ort in Dortmund vertraut machen, bevor ich das Projektteam in zwei Wochen verstärke. Also frisch ans Werk.

Erst einmal das neue Firmenhandy angeschaltet und die PIN eingegeben. Wie? Falsch? Kann doch gar nicht sein! Dann trotz bleierner Müdigkeit eben noch das zweite Auge aufgezwungen. Aber auch der zweite Versuch scheitert. Den Geistesblitz, dass es sich dabei nur um einen simplen Zahlendreher handelt, habe ich natürlich prompt und unmittelbar nach dem dritten und ernüchternden Fehlversuch. Egal. Ich habe ja noch mein Privathandy. Damit sollte ich zurechtkommen. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wie ich an die Telefonnummer meines Ansprechpartners beim Kunden komme. So langsam werde ich wirklich wach… Nach wenigen Minuten habe ich meinen Laptop hochgefahren und die wichtigsten Kontakte aus Outlook abgeschrieben. Die gesamte Aktion kostet zwar Zeit und Nerven, aber zum Schluss führt mich der kleine Umweg doch noch zum Ziel.

Ansonsten ist alles griffbereit; man hat ja vorgeplant. Die neue Bahncard ist zwar noch ein A4-Blatt, aber es dauert eben, bis das Plastik geprägt ist. Zum Glück kann man die Bestellung online erledigen genauso wie die Ticketbuchung. Und mit dem Ausdruck der vorläufigen Bahncard kommt man auch so ganz gut zurecht. Netter Workaround, wie diese Überbrückungslösung neudeutsch genannt wird. Ich wünschte, so etwas gäbe es auch für die Beantragung von Kreditkarten. Meine Neue lässt immer noch auf sich warten. Dann muss die Reise eben mit Barmitteln bestritten werden. Bis gestern hieß es eigentlich, dass ich aufgrund der noch ausstehenden Firmenkreditkarte eben Vorkasse kriege oder die Teamassistentin die Hotelkosten auf Rechnung zahlen will. Schade, dass sie es bis gestern nicht geschafft hat, mal kurz mit dem Hotel zu telefonieren. Die Ärmste ist aber auch so im Stress, und ich habe sie ja auch nur dreimal seit letzter Woche erinnert. Ich hätte doch eine Mail schreiben sollen. Mein Fehler. Nur gut, dass ich von meinem Autoverkauf noch einen 500 Euroschein zuhause habe. Den konnte ich noch nirgends einlösen, da so große Scheine kaum jemand annehmen will. Dann brauche ich auch kein weiteres Bargeld mitnehmen, wenn ich ohnehin im Hotel damit zahle. Die zwanzig Euro, die ich noch im Geldbeutel habe, reichen für den Tag, um zum Kunden und ins Hotel zu kommen. Das Wechselgeld des 500ers für das Zimmer reicht dann locker für die anstehenden Taxifahrten und sonstigen Kosten, die ich den Rest der Woche nun aus eigener Kasse vorstrecken muss. Alles wird gut.

Das Bananenmüsli schmeckt und versorgt mich mit der Kraft der Kohlehydrate für den Tag. Als ich mit Schwung starten will, fällt mein Blick auf die Reisetasche in meiner Hand. Das ist mein Glück, denn die ist plakativ mit dem Logo eines Konkurrenten unseres Kunden bestickt. Also noch schnell umgepackt. Macht zwar keinen Spaß, aber besser diese kleine Umständlichkeit, als den Kunden brüskiert. Jetzt aber los zur U-Bahn. Normalerweise fährt sie im festen Takt und ist zuverlässig wie ein schweizer Uhrwerk. Doch heute ist kein normaler Tag. Heute verzögert sich alles, weil auf der Strecke zum Hauptbahnhof ein Feuerwehreinsatz tobt. Mir ist es egal, dass ich nur eine Minute zu spät ankomme. Der Zug ist unwiderruflich weg. Aber der Nächste fährt ja schon in einer Stunde. Eine Stunde zu spät für das erste Kennenlern-Meeting mit den wichtigen Entscheidern des Kunden. Da scheint es wie ein Fingerzeig des Schicksals, als mir die freundliche Service-Mitarbeiterin sagt, dass in nur zwei Minuten ein ICE über Hannover nach Dortmund fährt. Ist zwar ein kleiner Umweg, aber dafür kann ich meine Verspätung auf eine halbe Stunde reduzieren. Ein Hoch auf die kleinen Umwege!

Als ich den ICE-Zuschlag zahle, fällt mir auf, dass dann das Geld doch nicht für beide Taxifahrten reichen wird. Es sei denn, ich finde einen Taxifahrer, der auf 500 Euro raus geben kann (und will). Na gut, dann mache ich eben in Dortmund einen kleinen Umweg über die Bank. Und Laufen ist gesund.

Soweit ist das der Plan. Der ICE nach Hannover ist auch gut in der Zeit. Nur dumm, dass der Zug vor uns das nicht war. Denn der steht immer noch auf dem Gleis, auf dem eigentlich der ICE einfahren will, in dem ich sitze. Und wenige Minuten später ist damit auch mein Anschlusszug nach Dortmund unterwegs – ohne mich. Aber kein Problem: Der nächste Zug nach Dortmund fährt schon in einer Stunde. So im Kopf überschlagen erweist sich die Wahl des ICE-Umwegs als vollkommene Pleite. Es dauert deutlich länger und kostet noch einen Aufschlag. Egal. Dann habe ich wenigstens Zeit, meinen 500er bei der Bank zu wechseln. Die freundlichen Herren von der Bahnhofspolizei, die sich hier ja auskennen, verweisen mich auch gleich auf die nächste Bank. Also raus aus dem Bahnhof, durch den Regen über die Hauptstraße und schon bin ich da. Die nette Frau hinter dem Kassentresen schaut mich mitleidig an, denn Geldwechseln dürfe sie nur für Kunden. Aber ich könne ja im Bahnhof zur Reisebank gehen… Während ich wieder durch den Regen zurücklaufe, frage ich mich, ob sich die Bahnhofspolizisten denn nicht in ihrem eigenen Revier auskennen. Dank der Beschreibung der Kassenfrau finde ich den Bankschalter der Reisebank sofort. Endlich bin ich wieder flüssig – und das liegt nicht nur am Regen...

Was mache ich nun mit meiner Zwangsfreizeit? Als ich durch die Wandelhalle schlendere, fällt mir ein kleiner Verkaufsstand ins Auge und einem pawlowschen Schlüsselreiz bajuwaischer Konditionierung folgend, setzt sofortiger Speichelfluss ein: Leberkäse! Wie lange habe ich in Hamburg schon auf eine anständige, warme Leberkäs‘semmel verzichten müssen. Wer hätte gedacht, dass es so etwas in Hannover gibt? Und als der Verkäufer mich auch noch fragt, ob ich scharfen oder süßen Senf haben möchte, ist die Welt wieder in Ordnung. Da macht es mir auch gar nichts aus, dass es anstatt einer Semmel nur ein normales Aufback-Brötchen ist. Plötzlich scheint das triste Betongrau nicht mehr öde und es macht mir auch gar nichts aus, dass es hier keine Sitzgelegenheiten gibt. Jetzt mach ich mal Pause vom Reisestress. Es gibt nur noch den Leberkäse und mich. Duftige Aromen kitzeln meine Nase, als ich das Brötchen zum Mund führe und olfaktorische Kindheitserinnerungen blenden die graue Welt aus. Voller Vorfreude auf den bevorstehenden lukullischen Genuss beiße ich herzhaft hinein. Bäh! – Das ist ja kalt!

Die restliche Anreise ist erstaunlich unspektakulär. Sogar der Regen hat aufgehört. … Es schneit.

Der Taxifahrer bringt mich ohne große Umwege zu meinem Ziel. Super! Und die 90 Minuten Verspätung machen überhaupt nichts aus. Denn mein Ansprechpartner ist diese Woche auf Dienstreise und somit gar nicht im Hause. Ist das Leben nicht schön?

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