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Der Wahnsinn hat ein Gesicht, oder: Die seltsame Frau aus dem Nachbarhaus

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Drachenmann

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Die Straße, in der ich wohne, gleicht einem Biotop für merkwürdige Gewohnheiten und Lebenskonzepte, vielleicht fühle ich mich deshalb hier so wohl.
Vielleicht habe ich auch deshalb die Kernsanierung meines Nachbarhauses so sehr bedauert, denn dort wohnten skurrile und liebenswerte Gestalten:
Der uralte Langzeitarbeitslose im dritten Stock, der manchmal nachts und bei offenem Fenster meckerte wie eine Ziege.
Der Kollege aus dem ersten Stock, der in Teilzeit arbeitete, um mehr Zeit für seine Auftritte als Mietclown zu haben.

Nach der Sanierung konnten sich alle bisherigen Bewohner des Hauses die nun saftig erhöhte Miete nicht mehr leisten und zogen aus.
Stattdessen wohnen dort nun irgendwelche Leute, die niemanden grüßen und eilig das Haus betreten und verlassen, als lebten sie ungern in dieser Nachbarschaft.
Schade.

Doch es gibt eine lobenswerte Ausnahme!

Irgendwo in diesem Haus hat eine ältere Frau ihr Domizil, und diese Frau verleiht dem Wort Zwangshandlung eine völlig neue Dimension.
Dass sie zu jeder Jahreszeit in immer demselben beigefarbenen Regenmantel und mit weißen Glacé-Handschuhen herumläuft -
geschenkt, da kenne ich ganz andere Fälle.
Wirklich beeindruckend ist ihr Verhalten, das mich für den Verlust der nächtlichen Bergziege und des Teilzeit-Clowns fürstlich entschädigt!

Es fing an sich unspektakulär an, kurz nach ihrem Einzug traf ich sie an unserer Haustür an, wie sie das Klingelfeld mit Glasreiniger und Küchenpapier putzte.
Na gut, dachte ich, wenn sie Freude daran hat, die Klingeln der Nachbarhäuser zu polieren, bitteschön.
Einige Zeit darauf sah ich ihr gebannt zu, wie sie das Zeitungsrohr aus Edelstahl, das am sanierten Haus prangt,
mit einem Müllsack abklebte, um es vor dem einsetzenden Nieselregen zu schützen.
Oha, dachte ich mir da, das kann noch spannend werden...

Eines Tages sah ich aus meinem Küchenfenster und erblickte sie,
wie sie im Nachbarhof- wieder mit Glasreiniger und Küchenrolle bewaffnet - die Deckel sämtlicher Mülltonnen abwischte.
Dafür kann jemand Zeit und Energie aufbringen?
Dann kam ich einmal von der Arbeit, schloss die Haustür auf, die Hintertür in unseren Hof stand offen, und wer stand dort und schaute in unsere Mülltonnen?
Das war zuviel, ich stellte sie und zwang sie zum Gespräch.
Dabei hatte ich den Eindruck, dass ihr nicht das Thema unangenehm war, sondern die Tatsache, mit der Außenwelt in Kontakt treten zu müssen.
Ihr eigenes Verhalten fand sie durchaus normal und nachvollziehbar:
Schließlich seien aus dem Grad der äußeren Verschmutzung unserer Tonnen Rückschlüsse auf die mangelhafte Mülltrennung unseres Hauses zu ziehen.
Meine Hinweise darauf, dass sie sich in einem fremden Haus befinde und hier nichts zu suchen habe, liefen dagegen ins Leere...
Erst als ihr ins Gesicht sagte, dass sie unsere Mülltonnen mal überhaupt nichts angingen und sie schließlich genügend liebesbedürftige Tonnen in ihrem eigenen Hof hätte,
um die sie sich kümmern könnte, zog sie maulend ab.

Vor nicht allzulanger Zeit bewegte sie sich im Entengang mit dem Rücken zu mir über den Gehweg, als ich vom Hundespaziergang zurück kam.
Im Vorbeigehen schaute ich hin: Sie hielt doch tatsächlich Handfeger und Kehrblech in ihren Händen und kehrte damit die Straße!
Mit ihren weißen Glacé-Handschuhen, während ihr hellbrauner Regenmantel hinter ihr herschleifte.

Da begann ich, sie ein wenig zu bedauern, vielleicht war sie ja selbst nicht glücklich damit, sich so seltsam verhalten zu müssen...?
Doch damit ist seit gestern Schluss, seither habe ich mein schlechtes Gewissen abgeschafft:
Gestern hob sie mal wieder kleine Abfallstücke und auch eine weggeworfene Plastiktüte vor ihrem Haus auf und ging damit die Straße hinunter.
Der Wind fuhr in die Tüte, die Nachbarin kämpfte sichtlich, das widerspenstige Ding in der Mitte zu falten.

Kopfschüttelnd sah ich ihr nach, und was tat die alte Schrapnelle?
Sie ließ den Abfall aus ihrer Hand gemeinsam mit der Tüte zwei Häuser weiter auf den Gehweg fallen und ging weiter!

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