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Oskar...und sein schlauer Plan

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Oskar

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Jetzt im Sommer besuchen mein Chef und ich häufig seltsame Versammlungen der Menschen:

Sie sitzen dichtgedrängt und schauen alle in dieselbe Richtung. Sehr laut ist es dort, und manchmal werden die Menschen alle ganz aufgeregt und machen ungeduldige Geräusche.

In dieser Umgebung werde ich natürlich auch zappelig, obwohl ich wirklich mein bestes gebe, ruhig zu bleiben.

Auch mein Chef starrt wie gebannt nach vorne, jedenfalls möchte er das tun, muss jedoch immer wieder meine Läufe aus der Leine entknoten und ist davon zunehmend verärgert.

Plötzlich reicht es ihm, und er leint mich ab.

Na gut, dann werde ich mal auf Entdeckungsreise gehen!

 

Auf meinem Weg aus der Versammlung hinaus schnappe ich mir noch schnell ein Stück Pappe voller Essensreste vom Boden.

Vorsichtshalber schaue ich mich verstohlen nach meinem Chef um, doch der achtet gar nicht auf mich.

Bevor er doch noch auf die Idee kommt, mir nachzusehen, lege ich die Ohren an und rette meinen Leckerbissen ins Freie.

Das war ja schon mal ein viel versprechender Anfang; mal sehen, was die Gegend noch zu bieten hat!

Neben dem Eingang zur Versammlung steht der heiße Kasten, von dem der böse Mann Würste und Fleischstücke nimmt und sie den Menschen gibt - und zwar nur ihnen.

Ich habe schon mehrfach versucht, mich bei ihm beliebt zu machen, doch bei diesem Kerl zieht so gar kein Trick.

Sobald er mich sieht, klatscht er in die Hände, schreit mich an und rollt so wild mit den Augen, dass ich lieber die Flucht ergreife.

 

Dort hinten jagt ein Schäferhund begeistert einem Ball hinterher, den sich einige Männer johlend gegenseitig zutreten.

Das mag ja lustig sein - für einen Schäferhund. Einem Terrier wie mir zieht damit keiner die Wurst vom Teller.

 

Wieso nur denke ich gerade an Wurst?

Ich schaue mich um und entdecke ein vereinzeltes Menschenkind auf dem Boden sitzen.

Es lutscht versonnen an einem Brötchen, aus dem heraus der Zipfel einer Bratwurst mich freundlich anlächelt.

Wie beiläufig schlendere ich in die Nähe, schnuppere ein wenig hier und dort, lasse meinen Blick jedoch nicht von dem Kind ab.

Einige Schritte von dem Krabbler entfernt falle ich auf meinen Hintern und putze mich ausgiebig am Unterbauch. Dabei schaue ich aus dem Augenwinkel, aber genau hin.

Tatsächlich: das angebissene Ende des Brötchens ist überaus appetitlich vom Speichel aufgeweicht, aus seiner anderen, mir zugewandten Seite lacht mich die Wurst an.

Ein echter Schatz!

Der Kleine ist doch wirklich zu blöde: er schiebt die Kostbarkeit immer weiter aus dem Brötchen, von sich weg. Schon jetzt hängt sie weit heraus.

Ich dagegen würde ja zuerst schnell die Wurst verdrücken und erst dann das Brötchen.

Ruhig bleiben, Oskar!

Mein Plan steht, jetzt muss ich erst einmal vieles abschätzen.

 

Zunächst gilt es, mögliche Gefahren zu orten.

Wie abwesend betrachte ich die Umgebung, doch niemand schaut nach mir oder dem Kind.

Vielleicht hatte es sich ja ebenfalls dauernd in seiner Leine verknotet und war wie ich aus der Versammlung geschickt worden?

 

Die Wurst schlenkert inzwischen schon hin und her. Ich darf gar nicht hinsehen, sonst verliere ich jede Hemmung.

Also weiter: Fluchtweg sondieren. Ich hege keinen Zweifel, dass ich schnell genug das Weite suchen kann. Die Schwierigkeit besteht darin, ein gutes Versteck zu finden.

Mein Blick schweift über den Platz und bleibt im Schatten unter einer kleinen Treppe hängen. Gut, auch dies wäre geklärt.

Ich sehe wieder zum Objekt meiner Begierde und - verdammt:

Der Schäferhund hat sein dämliches Ballspiel aufgegeben und stromert in weiten Bögen scheinbar ziellos umher, doch tatsächlich führte ihn sein Weg stetig dem Kind mit der Wurst näher,

viel zu schnell, um unbemerkt zu bleiben.

Ist das denn zu glauben? Wie ungeschickt kann ein Hund sich denn anstellen?

Jetzt setzt er sich doch tatsächlich hin, um sich fadenscheinig am Ohr zu kratzen, wobei er die Wurst keinen Moment aus den Augen lässt.

Soll dieser Trampel doch besser wieder Ball spielen, denn diese Vorstellung kauft ihm doch niemand ab!

Und wirklich, da eilt bereits eine Frau herbei, stürmt auf ihn zu und beginnt, ihn von ihrem Kind wegzudrängen. Das vergisst, weiter zu essen und schaut den beiden mit großen Augen zu.

 

Ich kann es kaum glauben: Der eine Trottel hält das Essen in der Hand, der andere will es haben, und beide zusammen schaffen es nicht, dieser armen Wurst den Garaus zu machen.

 

Der Schäferhund wird jetzt bockig, er will seinen Platz nicht räumen. Die Menschenmutter hält dagegen, schon wird ihr Ton schrill. Der Schäferhund zuckt zusammen, bleibt jedoch standhaft.

Nun hat sogar das Kind begriffen, dass wohl etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Mit halb offenem Mund sitzt es da und lässt langsam die Würstchenhand sinken.

Und da passiert es: die Wurst rutscht ganz einfach aus dem Brötchen heraus, fällt und rollt über den Boden.

Ich sehe sie liegen und spurte los, der Schäferhund ebenfalls, er muss jedoch zunächst einen Bogen um die fuchtelnde und kreischende Mutter schlagen.

Das Kind sieht den großen Hund auf sich zurennen. Es beginnt zu heulen und Brötchenreste zu spucken, die Mutter schreit den Schäferhund noch lauter an, versperrt ihm den Weg und hält ihn fest.

Ich schnappe mir die Wurst, noch immer achtet niemand auf mich, und schon bin ich weg mit meiner Beute.

 

Ich liege in meinem Versteck unter der Treppe, lasse es mir schmecken und beobachte die weitere Entwicklung.

Wie ein Dieb fühle ich mich so gar nicht.

Ganz anders dagegen der Schäferhund: mit angelegten Ohren und Krummbuckel lässt er sich von seinem Chef durchschütteln und ausschimpfen, als hätte er die Wurst gekriegt und nicht ich.

Dazu werden Chef und Hund von der wütenden Mutter angekeift; fast möchte man meinen, der Schäferhund hätte das Kind gleich mit gefressen.

Wie zum Beweis, dass dem nicht so ist, schreit es fast noch lauter als seine Mutter.

Als der arme Köter an die Leine gelegt und weggeführt worden ist und die erboste Mutter ihr heulendes Kind vom Boden aufgenommen hat, wen sehe ich da einsam und verlassen herumliegen?

Den Rest vom Brötchen!

Den hole ich mir jetzt auch noch schnell.

 

Mein schlauer Plan ist aufgegangen: erst die Wurst und dann das Brötchen!

 

Ich besuche meinen Chef in der Versammlung.

Der freut sich, mich zu sehen.

Ganz im Reinen mit mir und meiner Welt grinse ich ihn fröhlich an, stoße auf und lecke mir den Fang.

Und weil ich so zufrieden bin, setze ich mich brav zu ihm; ich werde nicht mehr angeleint, dafür aber gekrault.

 

Doch frage ich mich, warum nur er mich so argwöhnisch mustert?

 

Euer Oskar

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