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Zeno's Crime Club


Zeno

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Hallo Leute,

hier sollen PDF-Dateien von Kriminalromanen zur Verfügung stehen, die grob auf dem zeitlichen Hintergrund von M1880 spielen oder sonstwie als Quellen-Material für Abenteuer zu gebrauchen sind. Eine Bedingung ist, dass Autorin/Autor 1948 oder früher gestorben ist (wegen des Copyrights), eine andere, dass es nichts ist, das eh vieltausendfach im Buchhandel u.s.w. zu haben ist. Sherlock Holmes fällt also aus, jedenfalls die Originale.

Ebenfalls hier nicht anbieten werde ich die ausgezeichneten deutschsprachigen Erzählungen um den österreichischen Detektiv Dagbert Trostler, denn dessen Abenteuer kann man sich kostenlos vom Shop auf der M1880-Seite herunterladen, was ich hiermit wärmstens und nachdrücklich allen Interessenten empfehle.

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Um einen Anfang zu machen, biete ich hier für alle, die das Abenteuer "Jagdsaison"genossen haben und sich wie ich in die Gegend, in der es spielt, verguckt haben, zwei Romane von Louis Tracy an, die ebenfalls dort angesiedelt sind: "Diana of the Moorland" und "What would you have done?". Tracy ist keines von den großen Lichtern der Kriminalliteratur, aber diese beiden Bücher zählen zu seinen besseren. Der Autor lebte eine längere Zeit in Whitby (am Ostrand der Moors direkt an der Nordseeküste) und kannte Land und Leute gut. Es fließt also eine Menge Lokalcolorit in diese beiden Erzählungen ein. Das macht sie als Quellenmaterial sehr interessant. Und ansonsten hat man den Eindruck, dass sich in der Gegend auch in den Jahren 1916 und 1928 (die Erscheinungsjahre der britischen Originale) nicht sehr viel gegenüber dem Fin de siècle geändert hat. Das rechtfertigt, sie hier zur Verfügung zu stellen.

Tracy-DianaMoorland.pdf Tracy-WhatWouldYou.pdf

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Hallo Leute,

das Thema scheint ja ganz gut angenommen worden zu sein, was mich sehr freut. Denn heute stelle ich ein Werk eines Autors ganz anderen Kalibers als Louis Tracy ein: Richard Austin Freeman. Für viele gilt der als einer der besten Krimi-Autoren aller Zeiten und sein roman "The Eye of Osiris" (dt. erschienen als "Das Auge des Osiris") als einer der besten Krimalromane aller Zeiten. Solche Urteile sind natürlich furchtbar subjektiv und hängen natürlich auch von der Vorliebe des einzelnen für bestimmte Genres ab: Wer z.B. auf hard-boiled Action steht, der wird an Freemans Werken weniger Geschmack finden. Wer aber neben unleugbaren schriftstellerischen Fähigkeiten harte Fakten, absolutes Fairplay gegenüber dem Leser, realistische Methoden, uns heute herrlich altmodisch erscheinende Liebesgeschichten, gemischt mit einer tüchtigen Portion trockenen Humors, mag, der ist nirgendwo besser aufgehoben als bei Freeman.

Wir Heutigen verdanken ihm vor allem zwei Dinge: Er ist mit seiner Figur Dr. Thorndyke der Urvater aller CSI-Serien, und ist gleichzeitig wesentlich realistischer als diese, denn der Autor hat alle beschriebenen Experimente vorher selbst durchgeführt (s. auch die Abbildungen im ersten Band der Thorndyke-Stories). Viele seiner Methoden sind erst später in die tatsächliche Polizeiarbeit eingeflossen, viele Maximen sind erst sehr viel später selbstverständlich geworden. Seine andere große Erfindung sind die "inverted detective stories", jene Art von Kriminalerzählungen, in denen zunächst das Verbechen aus der Sicht des Täters geschildert wird, und dann in einem zweiten Teil, wie es der Ermittler trotz aller raffinierten Vertuschungsversuche dann doch auflöst. Wer jetzt an Columbo denkt, der liegt goldrichtig. Wie bereits Howard Haycraft 1939 (ich besitze die Ausgabe von 1941 als PDF-Datei, da findet man das Zitat S. 69-70) in seinem Werk Murder for pleasure bemerkte: "This rather dangerous departure—perilous in that it dispenses almost entirely with the puzzle and suspense element‌—Freeman never repeated in toto [wie in der Anthologie The Singing Bone. B.L.]; but in all the Thorndyke-Stories the revelation of the criminal will usually be found subordinated to the means of detection. In another writer this might be grounds for criticism, but in Freeman's skilled hands so fascinating is the business of detection (…) that we scarcely notice the absence of mystifciation."

Weiteres zu Autor und Werk findet man in meiner Einleitung in dem Band, den ich hier zum Download anbiete. Ich habe alle Romane und Erzählungen um Dr. Thorndyke, seinen Junior-Partner Dr. Jervis und seinen wunderbaren Assistenten Mr. Polton abgestaubt und - soweit mir das möglich war - mit Kommentaren versehen (z.B. ist einiges am englischen Rechtssystem für uns Kontinentaleuropäer, sagen wir 'mal, schwer nachvollziehbar). Außerdem habe ich einige Essays um Dr. Thorndyke gesammelt und  dem ersten Band der Thorndyke-Erzählungen vorangestellt, darunter auch den schon von Haycraft zitierten des amerikanischen Sammlers P.M. Stone "5A King's Bench Walk". Wenn Euch der Band Spaß macht, werden weitere folgen, darunter natürlich auch die oben erwähnte Anthologie "The Singing Bone".

Den ersten Band der Thorndyke-Stories gibt es jetzt Bei LibriVox als kostenloses englisches Hörbuch. Ebenso erhältlich sind dort die ersten vier Thorndyke-Romane: The Red Thumb Mark (1907), The Eye of Osiris (1911), The Mystery of 31, New Inn (1913) und A Silent Witness (1914). Die Lesungen sind allerdings sehr unterschiedlicher Qualität.

 

Freeman-Thorndyke-Stories-01.pdf

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Und da ich beim letzten Mal schon "The Singing Bone" erwähnt habe, will ich Euch das nicht vorenthalten. Hier ist also der zweite Band mit den Thorndyke-Kurzgeschichten. Er enthält außer "The Singing Bone" auch die beiden Geschichten mit Dr. Thorndyke aus der Anthologie "The Great Portrait Mystery", Vielleicht stelle ich diesen Band irgendwann auch mal komplett ein, weil die anderen Geschichten auch teilweise recht nett sind, wenn auch ohne Dr. Thorndyke und seinen Mannen. Vor allem die Titelgeschichte ist ganz reizend: Darin wird vermutlich der einzige Museumsraub der Kriminalgeschichte geschildert, der jemals mit Hilfe einer Oboe durchgeführt wurde.

"The Singing Bone" gibt es als englisches Hörbuch zum kostenlosen Download bei LibriVox.

Freeman-Thorndyke-Stories-02.pdf

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vor 5 Stunden schrieb Ma Kai:

Vielen Dank! Schüchterne Frage - ohne sie angelesen zu haben und deshalb ohne Urteil über die Übersetzung - sind die Geschichten auch im englischen Original verfügbar?

Sie sind im Original. Eine deutsche Übersetzung gibt's nicht, zumindest keine neuere. Ich habe sie nur auf deutsch kommentiert, da wo mir das angebracht erschien.

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On 6/27/2019 at 2:20 PM, Zeno said:

Sie sind im Original. Eine deutsche Übersetzung gibt's nicht, zumindest keine neuere. Ich habe sie nur auf deutsch kommentiert, da wo mir das angebracht erschien.

Oh wie schön (jetzt mal rein von meinem Standpunkt - mir kommt das entgegen).

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Hier noch ein Link zur Krimi-Couch zu einer Rezension der letzten deutschen Ausgabe von Freemans "Das Auge des Osiris". Ist zwar schon ein bisschen älter (die Reihe, in der die Übersetzung erschienen ist, war leider sehr kurzfristig und existiert nicht mehr), aber immer noch informativ:

https://www.krimi-couch.de/titel/5252-das-auge-des-osiris/

Mindestens antiquarisch ist die deutsche Übersetzung immer noch zu haben.

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Heute mal kein Dr.Thorndyke, sondern literarisch mindestens zwei Nummern kleiner, aber dafür von der Thematik her für M1880-Autoren sehr interessant: "A Master of Mysteries", eine von mehreren gemeinsam verfassten Story-Sammlungen der anglo-irischen Autorin L.T. Meade, eigtl. Elizabeth Thomasina Meade Smith (1844-1914), und des englischen Arztes Robert Eustace, eigtl. Eustace Robert Barton (1854-1943). Meade ist vor allem durch ihre Mädchenromane berühmt geworden, während man Robert Eustace mit Fug und Recht als einen der meist beschäftigten Co-Autoren in der Geschichte des Kriminalromans bezeichnen kann. Bekannt ist er heute vor allem durch den Roman "The Documents in the Case" (dt. "Der Fall Harrison" oder "Die Akte Harrison"), den er zusammen mit Dorothy L. Sayers verfasst hat (1930): Von ihm stammt der Handlungsentwurf und der wissenschaftliche Hintergrund zum Vorfall.

In "A Master of Mysteries" werden Abenteuer eines "Geisterjägers" erzählt, wobei die Vorfälle darin zwar seltsam und teilweise unheimlich genug sind, sich letztendlich aber nicht als übernatürlich entpuppen. Das hat durchaus auch Potential für entsprechende M1880-Abenteuer. Als Bonbon habe ich den ursprünglichen sechs Geschichten noch eine siebte hinzugefügt, die erst nach dem Erscheinen des Buches als Preisrätsel publiziert worden ist. Hierfür lassen die beiden Autoren dann auch einmal ihren Helden an der Lösung scheitern und überlassen diese dem Leser. Ich habe diese Geschichte so gesetzt, dass auch der heutige Leser einmal seinen Scharfsinn unter Beweis stellen kann. Tatsächlich scheint damals sogar jemand auf die richtige Lösung gekommen zu sein.

Den Originalband (also ohne das Rätsel) gibt es als englisches Hörbuch zum kostenlosen Download bei LibriVox.

Meade-Eustace-Master.pdf

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  • 4 Wochen später...

Hallo Leute,

heute endlich der dritte Teil der Kurzgeschichten um Dr.\ Thorndyke und seine diversen Helfer, diesmal mit den Geschichten aus "Dr. Thorndyke's Casebook und der ersten Hälfte der Anthologie "The Puzzle Lock". Freeman at his best: Geniale Plots in gewohnter literarischer Qualität präsentiert.

Viel Spaß damit!

 

Freeman-Thorndyke-Stories-03.pdf

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  • 3 Monate später...

Heute endlich, wie schon vor langer Zeit versprochen, etwas für die Ladys, nämlich die Abenteuer von Loveday Brooke von Catherine Louisa Pirkis. Frau Brooke, soweit mir bekannt ist, ist die erste Seriendetektivin einer Autorin. Sie unterscheidet sich von allen anderen frühen Seriendetektivinnen auch dadurch, dass sie sich nicht am Ende verheiratet und aus dem Geschäft aussteigt. Theoretisch hätten also noch weitere Kurzgeschichten folgen können, was aber - trotz des Erfolges der Sammlung - leider nicht der Fall war. Aber vielleicht fühlt sich ja die ein oder andere Leserin bemüßigt, sich neue Geschichten auszudenken?

Zwei der Geschichten ("The Black Bag Left on a Doorstep" und "The Redhill Sisterhood") gibt es als kostenlosen Download bei LibriVox.

Pirkis-Loveday-Brooke.pdf

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  • 2 Wochen später...

Zum Süd-Con, Montsende/-mitte hier noch ein Frühwerk von Richard Austin Freeman, das er zusammen mit seinem Kollegen James Pitcairn unter dem Pseudonym Clifford Ashdown verfasst hat: eine Sammlung von Geschichten um einen gewissen Rodney Pringle. Das sind zwar Kriminalgeschichten, aber keinesfalls Detektivgeschichten, denn Mr. Pringle ist alles andere als ein Detektiv, genauer gesagt, er ist ein ziemlicher Gauner, auch wenn er meist andere Gauner übers Ohr haut. Aber das wäre ja ein Aspekt, den man mit Midgard 1880 auch einmal abdecken könnte: Der Gentleman-Gauner, der anderen Ganoven das Leben schwer macht.

Nur die erstens sechs Geschichten sind seinerzeit auch in Buchform erschienen, die zweite Staffel ist damals nur in Zeitschriften erschienen.

Wenn man die Geschichten schon in irgendeine Schublade packen muss, dann wohl am ehesten in die des Schelmenromans. Sie sind teilweise wirklich amüsant geschrieben und daher eine Freude zu lesen. "The Assyrian Rejuvenator" aus den ersten sechs Geschichten hat es in Sir Hugh Greenes legendäre Sammlung "The Rivals of Sherlock Holmes" (oder in eine davon) und mit deren Übersetzung dann auch hier nach Deutschland geschafft (Der assyrische Jungbrunnen). Da das auch eine meiner Lieblingsgeschichten ist, war mir das natürlich nur recht. Aus der zweiten Staffel hat das gleiche - genauso verdient - die Geschichte "The Submarine Boat" geschafft.

Und später ist dann Mr. Pringle nach Belgien gezogen und hat die Kartoffelchips erfunden … oder so.

Jedenfalls wünsche ich viel Spaß bei der Lektüre!

Eine der besten Geschichten ("The Assyrian Rejuvenator") gibt es als kostenlosen Download bei LibriVox. Ich hoffe, irgendwer kommt bald mal auf die Idee, alle Stories zu "vertonen"!

 

Ashdown-Pringle-no-Illus.pdf

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  • 11 Monate später...

Gute Nachrichten: Die ersten fünf Thorndyke-Romane gibt es jetzt als (deutschsprachiges Hörbuch) bei hm-audiobooks ( www.hm-audiobooks.de), und zwar sowohl als audio- als auch als MP3-CD.

Kleiner Tipp: Am besten hört (und natürlich auch lest, wenn Ihr das vorzieht) die Romane Nr. 2 (Das Auge des Osiris) und 3 (Alptraum New Inn 31) in chronologischer, d.h. in diesem Falle umgekehrter Reihenfolge. In Nr. 2 wird an einer Stelle auf Nr. 3 zurück verwiesen (außerdem wird dort die Geschichte  aus Nr. 1 weitererzählt, wie Dr. Jervis Assistent von Thorndyke wurde).

Ob die Übersetzung gut ist oder nicht, kann ich noch nicht sagen, weil ich sie noch nicht gehört habe. "Alptraum New Inn 31" statt "Das Geheimnis von New Inn 31" macht mich ein bisschen skeptisch. Ich gebe aber zu, dass es die Sache ganz gut trifft. auch weiß ich natürlich nicht, ob das gekürzt worden ist oder nicht.  Die angegeben Lauflängen lassen aber auf erhebliche Kürzungen schließen ☹️. Ich fürchte, Ihr werdet doch auf meine Originalversionen zurückgreifen müssen. Immerhin gibt es aber die ersten vier Romane als (englischsprachiges) Hörbuch bei LibriVox.

Watch this space!

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Vor einiger Zeit habe ich mal versprochen, die Anthologie "The Great Portrait Mystery" von Freeman hochzuladen. Das ist eine bunte Mischung aus zwei Thorndyke-Stories, einer mit einem eher mystischem Thema, Ganovenstückchen u.s.w. Das tue ich hiermit. Das meiste davon ist amüsant und irgendwie genau das Richtige für Zeiten wie diese. Mir selbst hat die Titelgeschichte am besten gefallen, die eine Art Schatzsuche erzählt, verknüpft mit wahrscheinlich dem einzigen Museumsraub der Literaturgeschichte, der mit dem durchaus sachgemäßen Einsatz einer Oboe durchgeführt wird.

Ich sollte vielleicht noch anfügen, dass die Thorndyke-Geschichte "The Missing Mortgagee" und die Erzählung "The Bronze Parrot" als kostenloser Download bei LibriVox zu haben sind. Beide Versionen sind sogar recht gut anhörbar, was ja bei den LibriVox-Hörbüchern leider nicht immer so ist.

 

GreatPortraitMystery-1918.pdf

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  • 2 Wochen später...

Hallo Leute,

gestern habe ich von LibriVox zwei Abenteuer mit der Detektivin Loveday Brooke von C.L. Pirkis (siehe oben) heruntergeladen, darunter auch die m.E. beste "The Redhill Sisterhood". Die andere ist die erste der Anthologie: The Black Bag Left On A Door-Step". Letztere habe ich mir gestern Abend noch angehört (ich ahbe ja auch sonst nix zu tun) und fand sie eigentlich ganz in Ordnung. Bin schon gespannt auf die andere. Sucht bei LibriVox einfach nach der Autorin.

 

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  • 2 Wochen später...

So, heute mal ein richtiges kleines Juwel von einem Roman, gerade einmal 65 Seiten dick (oder dünn?): The Agony Column.  Ist es eigentlich ein Kriminalroman? Oder eher ein Agententhriller? Oder ein Liebesroman? Jedenfalls ist es auch ein Briefroman, denn sieben der neun Kapitel bestehen aus langen Briefen, die ein verliebter junger Amerikaner an seine Angebetete schickt, und in denen er in Fortsetzungen eine sehr verwirrende Geschichte um Mord, deutsche Spione und andere zeitgenössische Zutaten schildert. Zeitlich fällt die Handlung ein ganz klein bisschen aus dem Rahmen, denn sie spielt bei Ausbruch des 1. Weltkriegs in London, und zwar innerhalb dort lebenden Amerikaner. Die eigentliche Story könnte aber auch am Ende des 19. Jh. spielen. Es würde dann aber die parodistische Note fehlen, die der Roman auch hat. Schon der Titel verweist ja auf eine der wichtigsten Informationsquellen des großen Sherlock Holmes, die "Seufzerspalte" in den britischen Tageszeitungen. Und der Inhalt spielt mit Versatzstücken aus Romanen und Erzählungen, in denen während des 1. Weltkriegs und davor wackere britische Detektive böse deutsche Spione das Handwerk legten. Auch Sherlock Holmes wurde ja zu diesem Zweck reaktiviert und musste dafür seine Bienenstöcke zeitweise verlassen ("His Last Bow. The War Service of Sherlock Holmes", 1917).

Erschienen ist das Werk 1916. Autor ist ein Amerikaner namens Earl Derr Biggers (1884–1933), der drei Jahre zuvor einen Riesenerfolg mit dem Roman "Seven Keys to Baldpate" erzielt  hatte, der - soweit mir bekannt - bislang (leider) noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Was 1916 noch keiner wissen konnte: 1925 gelang Biggers - so unglaublich das auch klingen mag - noch ein sehr viel größerer Erfolg. Er erfand nämlich den chinesischen Polizeibeamten Charlie Chan aus Honolulu, nach Sherlock Holmes der am meisten beschäftigte Detektiv der Filmgeschichte (dabei sollte man aber darauf hinweisen, dass die Streifen meist dürftigen Inhalts sind und bei weitem nicht an die Qualität der nur sechs Romane heranreichen). Aber der gehört nun wirklich nicht nach M1880 … (wer aber an den englischen Originalen interessiert ist, kann mir eine PN mit seiner E-Mail-Adresse schicken.) 

Ich sollte noch anschließen, dass es dieses Buch auch als gut anhörbares Hörbuch bei LibriVox gibt, wie übrigens auch "Seven Keys to Baldpate".

AgonyColumn.pdf

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Sorry, dass ich Euch schon wieder mit einem neuen Buch nerve, aber erstens möchte ich vor dem "Weihnachts-Loch" noch das ein oder andere einstellen, zum Anderen gehört ein Buch mit dem Titel "November Joe" einfach in den November. Und da sich der jetzt so langsam dem Ende zuneigt, wird's Zeit.

Seltsamer Titel, der natürlich ein merkwürdiger Name ist, und schon ahnen lässt, das der Hintergrund dieser Detektiv-Geschichten ein ungewöhnlicher ist.

Und so ist es auch. Der Herr mit dem seltsamen Namen und der Detektiv in diesen Kriminalgeschichten ist nämlich ein Trapper, der in den Wäldern im Osten Kanadas und in der Grenzregion zwischen Kanada und den USA seinem Handwerk nachgeht und nebenbei mit der kanadischen Polizei zusammenarbeitet, wenn es darum geht, Verbrecher dingfest zu machen, die in den Wäldern ihr Unwesen treiben. Dabei geht er mit dem gleichen Scharfsinn vor wie die anderen Detektive, nur das natürlich auch zu seinem Alltag als Trapper gehört. Wenn man so will, ist er also ein "Lederstrumpf", der sich nebenbei auch noch als Sherlock Holmes betätigt.

Kommt einem das bekannt vor? Ich weiß noch, wie ich immer mit großem Vergnügen das scharfsinnige Spuren Lesen in den Büchern Karl Mays – vor allem in seinen speziell für die Jugend geschriebenen Werken – gelesen habe. Ein besonderes eindrucksvolles Beispiel dafür bietet die Jugenderzählung "Die Geier des Llano Estacado", heute enthalten in dem Band "Unter Geiern". Leider hat der Text im Laufe der Zeit einige recht einschneidende Umarbeitungen erfahren und damit leider auch einiges an Charme verloren. So wurden beispielsweise aus den beiden Jäger "Die Snuffles", die im Original diese besonders scharfsinnige Deutung von Spuren liefern, ihre Kollegen (der lange) Davy und (der dicke) Jemmy.  Wer das alles mal im Original lesen möchte, findet den Text unter 

https://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/primlit/jugend/geist/index.htm

Doch zurück zu unserem kanadischen Waldläufer! Die Abenteuer November Joes spielen Anfang des 20. Jahrhunderts, wobei sie sicher auch ein oder zwei Jahrzehnte früher denkbar wären. Es gibt auch einen Ich-Erzähler, der in den meisten Abenteuern auch der genreübliche "Watson" ist: ein wohlhabender Anwalt aus Quebec, als aus der "Zivilisation", und damit der ideale Gegenpart zu dem in der "Wildnis" lebenden November Joe. Wie der gute Watson hat James Quaritch auch immer Zeit, wenn er gebraucht wird. Daneben gibt's eine interessante Mischung aus Personen der kanadischen Upper Class,  sowohl weißen wie auch indianischen Waldbewohnern aller Art. Kurz: Es handelt sich um die perfekteste Mischung aus Detektiv- und Trappergeschichten, die mir bislang untergekommen ist. Übrigens ist auch der Autor Hesketh Vernon Prichard ein durchaus interessanter Mensch gewesen.

Ein Wort zum Text: Den habe ich seinerzeit als Digitalisat des Originals im Internet gefunden und musste ihn erst einmal in eine Textdatei umwandeln, was bei der Qualität der Scans so eine Sache war und an einigen Stellen auch so eine Art Detektivarbeit erfordet hat (neben einiger technischer Pfiffigkeit). Eine Geschichte gab es tatsächlich als Textdatei, was eine große Hilfe war, auch wenn sich beim Gegenlesen mit dem Original da auch so einige Fehler fanden (da war die Vorlage wohl auch nicht besser). Was ich sagen will: Es können im Text noch einige der üblichen Scanfehler auftreten und ich wäre für jede diesbezügliche Meldung dankbar, weil ich natürlich einen möglichst fehlerfreien Text anbieten möchte.

 

HP-NovemberJoe.pdf

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Nur, um das klar zu stellen:

Ich werde die Charlie-Chan-Romane von Earl Derr Bigger hier nicht einstellen, weil die zeitlich sehr aus dem Rahmen fallen (auch wenn im ersten öfter auf die "gute alte Zeit" in Honolulu am Ende des 19. Jh. rekurriert wird). Wer die haben möchte, kann mir aber eine PN mit seiner Mail-Adresse schicken und erhält sie dann alle sechs per WeTransfer.

Dasselbe gilt auch für Sonderausgaben von Büchern, die ich hier hochgeladen habe bzw. hochladen werde Zum jetzigen Zeitpunkt ist das nur eine Ausgabe von "The Great Portrait Mystery" mit einem Foto eines wirklichen "Great Portrait" von König James II von Sir Godfrey Kneller als Titelbild. Aber es wird in den Dezemberwochen noch einiges dazu kommen. Weihnachten steht an. Ich weise dann jedesmal darauf hin, dass es so was gibt.

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Heute mal ein Werk von Grant Allen. Der mag vielen hierzulande völlig unbekannt sein (ich gebe zu, dass mir das auch so gegangen ist, als ihm in "The rivals of Sherlock Holmes" über den Weg gelaufen bin), war aber Ende des 19. Jh. im UK sehr populär und hat mit seinem Roman "The Woman Who Did" ein für die Frauenbewegung wichtiges Werk geschrieben (und für einen Riesenskandal gesorgt). Das fällt jetzt nicht so unter die Art von Büchern, die für den Crime Club interessant sind, aber zwei andere Roman mit Heldinnen als Titel- und Hauptfigur sind's, die ich hier auch noch einstellen werde. Mehr über diesen interessanten Autor findet Ihr in der Wikipedia, sogar auch in der deutschen.

Ich fange aber mit der Sammlung an, aus der es zwei Episoden unter "The rivals of Sherlock Holmes" geschafft haben: “An African Millionaire“. Darin wird - vom Schwager der Titelfigur als Ich-Erzähler berichtet - die Auseinandersetzung zwischen dem südafrikanischen Geschäftsmann Sir Charles Vandrift und einem geheimnisvollen Gentleman-Gauners namens Colonel Clay, der in einer Unzahl von Verkleidungen auftritt, um seinem Widersacher das Leben schwer zu machen. Und das das merkwürdige ist: je länger die Geschichte geht, desto mehr verschiebt sich die Sympathie des Lesers vom Opfer zum Täter.

Die Sammlung war seinerseits sehr erfolgreich. Tatsächlich kam auch schon 1901 eine deutsche Übersetzung bei Philipp Reclam jr. in Leipzig heraus, die es teilweise sogar noch antiquarisch zu haben gibt. Sir Hugh Greene, der Herausgeber von "The Rivals of Sherlock Holmes” nannte sie einer der amüsantesten Kriminalgeschichtensammlungen überhaupt. Das würde ich jetzt nicht so unbedingt unterschreiben, aber unterhaltsam zu lesen ist sie allemal. 

Dies ist ein Buch, das ich auch in einer Ausgabe mit Illustrationen editiert habe. Wer die haben möchte, möge mir bitte eine PN mit seiner/ihrer E-Mail-Adresse zukommen lassen.

Hier aber die Ausgabe ohne Illus (außer auf dem Titel).

Auch diese Story-Sammlung gibt es als kostenloses Hörbuch bei LibriVox.

Allen-Millionaire-ohneIllus.pdf

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Wie sagte doch unser aller Kaiser mal vor einem Fußballspiel gegen England in München (1:5, wenn ich mich recht entsinne, aber wer will sich an DAS Ergebnis erinnern?): "It's a classic, we call it a ‘Klassiker’." Wie er's hinterher genannt hat, ist leider nicht überliefert.

Jedenfalls könnte man so eine sprachliche Perle auch zu dem Buch, das ich heute hochlade, zum Besten geben. In seinem berühmten Kriminalroman "The Hollow Man" (1935) - selbst ein Klassiker sui generis - gibt es eine berühmte Passage, in der der Detektiv (Gideon Fell) die Möglichkeiten für die Lösung eines "Locked Room Mystery"'s systematisch referiert Und dabei bezeichnet er den heutigen Download als "den besten Kriminalroman aller Zeiten" (der dann auch gleich zwei Beiträge zum Thema liefert). Nun ist das sicherlich Geschmackssache, und seitdem sind eine Menge anderer guter Kriminalromane mit Locked Room Mysterys entstanden, Carr selbst hat ja einiges dazu beigetragen. Es zeigt aber, dass der Roman, um den es hier geht, damals eine große Bedeutung hatte -und dabei ist er gar kein englischer Roman, sondern - shocking! - ein französischer!

Der frühe französische Kriminalroman kann seine Herkunft vom Horror-Roman nicht leugnen, und personifiziert ist das in der Person des Autors unseres Werks: Gaston Leroux (1868-1927) ist hierzulande vor allem durch seinen Roman "Das Phantom der Oper" (Le fantôme de l'opéra, 1910) bekannt, nicht zuletzt wegen des darauf basierenden Musicals von Andrew Lloyd Webber. Tatsächlich hat er aber auch eine ganze Reihe von Kriminalromanen, besonders mit dem Reporter Joseph Rouletabille als Detektiv. Der erste davon ist "Das Geheimnis des gelben Zimmers" (Le mystère de la chambre jaune, 1907), und mit dem haben wir es hier zu tun.

Keine Bange, ich serviere Euch hier nicht das französische Original (das kann man sich über Wikisource leicht in diversen Formaten beschaffen), sondern eine englische Übersetzung, die noch im gleichen Jahr wie das Original erschienen ist. Hinzu gefügt habe ich noch eine sehr lesenswerte Rezension von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1917 (während des ersten Weltkriegs geschrieben und publiziert!).

Viel Spaß damit!

Beides, das französische Original und die englische Übersetzung, gibt es übrigens auch als kostenloses Hörbuch bei LibriVox.

 

 

1329921540_Leroux-YellowRoom-1907.pdf

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Kennt Ihr Paul Beck?

Gut, ich geb's zu, das klingt jetzt mehr nach ältlichem UFA-Star im bundesdeutschen Film der Fünfziger (aber der hieß, glaube ich, Paul Klinger) als nach einem Detektiv (der erwähnte Herr hat aber immerhin in den Sechzigern im letzten Paul-Temple-Hörspiel die Titelrolle gesprochen). Oder jedenfalls nach etwas, was man auch im heimischen Telefonbuch finden könnte. Tatsächlich habe ich mir den Spaß gemacht, einen Blick in das Telefonbuch meines Wohnorts zu werfen, und habe tatsächlich etwa zwanzig Einträge unter dem Familiennamen "Beck" darin gefunden. Und ich bin sicher eine/r von Euch wird im Telefonbuch seines/ihres Wohnorts auch einen "Paul Beck" finden, auch wenn der Vorname ein wenig aus der Mode gekommen sein mag.

Trotz des vertrauten Klangs handelt es sich aber nicht um einen deutschen Detektiv, sondern um einen britischen. D.h., wahrscheinlich ist der Herr Ire, auch wenn das nirgendwo in den Texten, die ich kenne, explizit gesagt wird (ich kenne aber leider nur eine Auswahl). Aber "sein" Autor ist Ire, und es kommen viele Ir*innen in den Abenteuern vor.

Sein Autor ist ein sehr interessanter Herr: Er war Journalist, Politiker und Jurist (Kronanwalt [K.C.] und später Richter). Und so ganz nebenbei hat er auch noch eine ganze Reihe teilweise sehr interessanter Bücher geschrieben, darunter eben auch die Abenteuer des Herrn Beck. Man fragt sich bei so was immer, wo die Leute die Zeit für all diese Beschäftigungen hernehmen; eigentlich wäre jeder dieser Berufe eine Vollzeitbeschäftigung … Der Name des vielbeschäftigten Mannes ist Matthias McDonnell Bodkin, wie man sieht, hat zumindest sein Rufname auch einen deutschen Klang. Übrigens hat er neben dem freundlichen und bescheidenen Herrn Beck, der eindeutig als Gegenstück zu Sherlock Holmes konzipiert worden ist, im Kielwasser von Loveday Brooke (s.o.) auch noch eine Detektivin erfunden, eine Dame namens Dora Myrl, die zu ihrer Zeit ebenfalls sehr erfolgreich war.

Vielleicht hat der uns Deutschsprachigen so vertraut klingende Name "Paul Beck" tatsächlich dazu beigetragen, dass dieser Herr auch bald in deutschsprachigen Raum heimisch wurde. Schon im zweiten Jahr nach dem Erscheinen der ersten Sammlung seiner Abenteuer im UK, also 1901, erschien hier das erste Bändchen in deutscher Sprache. Weitere folgten, darunter auch die Abenteuer der pfiffigen Frau Myrl - pardon, damals sagte man ja noch "des pfiffigen Fräulein Myrl". Und diese deutschen Übersezungen spuken heute wieder in allen möglichen Formen, online, als E-Book und natürlich auch als Print durch das Internet, so sehr, dass es schon schwierig geworden ist, die englischen Originale aufzutreiben! Es sind übrigens immer noch die Übersetzungen vom Anfang des 20. Jh., die heute natürlich ein bisschen altbacken klingen (deshalb auch das "Fräulein").

Ich habe drei Bücher zusammentragen können: "The Quests of Paul Beck" (das ist die zweite Kurzgeschichtensammlung), "The Capture of Paul Beck" und "Young Beck: A Chip of the Old Block", wobei die beiden letzteren sehr bemerkenswert sind. Aber dazu hier später mehr (oder schaut in das Vorwort von "The Quests"). Wenn jemand weitere Original-Texte aus der Reihe auftreiben kann (vor allem das Original der Abenteuer von Dora), wäre ich ihm/ihr sehr dankbar, wenn er/sie mir die zukommen lassen könnte. Ich kann Text-Dateien, PDF und epub ohne Probleme verarbeiten; bei Kindle bin ich skeptisch.

Hier nun "The Quests of Paul Beck". Diese Sammlung scheint mir ausgereifter zu sein als die erste, "Paul Beck, The Rule of Thumb Detective", jedenfalls so weit ich das nach deren deutscher Übersetzung beurteilen kann. Deshalb ist es vielleicht gar nicht so schlecht, mit dieser Sammlung zu beginnen. Noch eine redaktionelle Bemerkung: Es kann sein, dass im Text noch eine Anzahl typischer OCR-Fehler enthalten sind (vor allem m, n, r und i bereiten große Freude). Ich bitte um Rückmeldung, wenn Ihr beim Lesen welche findet.
 

 

Bodkin-Beck-Quests.pdf

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Tippfehler
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So, heute mal endlich zu DEN klassischen Kriminalromanen schlechthin: die Romane um den - heute würde man sagen - Gerichtsmediziner Dr. John Evelyne Thorndyke aus der Feder von Richard Austin Freeman. Um mir hier viele Worte zu ersparen, empfehle ich einen Blick in die englische Wikipedia, wo Dr. Thorndyke eine eigen Seite hat  https://en.wikipedia.org/wiki/Dr._Thorndyke , sowie in den Band 1 der gesammelten Kurzgeschichten (s.o.), in dem einige einführende Essays enthalten sind.

Der erste Thorndyke-Roman, The Red Thumbmark (1907) steht immer ein bisschen im Schatten seines großen Nachfolgers, The Eye of Osiris. Das ist m.E. nicht so ganz nachzuvollziehen: Der zugrunde liegende Fall ist zwar kein Mord, aber das Problem, dem sich Dr. Thorndyke als wissenschaftliche Unterstützung der Verteidigung gegenübergestellt sieht, erscheint unüberbrückbar: Aus dem Safe einer Londoner Firma ist ein Beutel mit Rohdiamanten verschwunden, aber der Täter hat einen deutlichen Daumenabdruck hinterlassen (in Blut, daher der Titel), der von den Fingerabdruckexperten des CID eindeutig einem der beiden Neffen des Firmenbesitzers zugewiesen werden kann. Damit ist der Fall für die Polizei (und die Öffentlichkeit) in trockenen Tüchern. Der Angeschuldigte kommt hinter Schloss und Riegel, und sein Anwalt (solicitor) rät ihm, sich schuldig zu erklären. Fertig - aus!

Wirklich? Der junge Mann wendet sich an Dr. Thorndyke, und der erklärt sich zur Überraschung aller bereit, das Aussichtslose zu versuchen und die Verteidigung (den barrister) zu unterstützen. Wie er das macht, soll hier nicht verraten werden und bleibt auch bis zum großen Showdown vor Gericht offen. Daraufhin gewiesen sei aber, dass der Autor alle im Roman beschriebenen technischen Prozesse selbst ausprobiert hat und daher alles authentisch und wasserdicht ist.

Die Frage nach dem (wirklichen) Täter ist in diesem Roman zweitrangig; der Leser wird wahrscheinlich ziemlich schnell erraten, um wen es sich handeln könnte. Wichtig ist vielmehr die Frage, wie er das Verbrechen durchgeführt hat, und wie ihm Thorndyke trotz seiner Raffinesse auf die Schliche kommt. Letzteres weist schon auf die "inverted detective story", die sein Autor wenig später erfunden hat.

Aber der Roman lebt nicht nur davon. eingewoben ist eine - m.E. wunderbare - Liebesgeschichte, die sich zwischen Dr. Jervis, Ich-Erzähler und hier noch zeitweise Assistent Dr. Thorndyke, und einer jungen Verwandten des (scheinbaren) Täters abspielt. das mag ja alles aus dem Anfang des 20. Jh. stammen, hat aber zeitlose Aktualität (Freeman, der Autor, war auch in dieser Beziehung eh seiner Zeit voraus), und ich fühlte mich da als Mann öfter mal "ertappt". Und der Schluss ist schlicht, aber gleichzeitig auch ergreifend (da empfehle ich, das Hörbuch von LibriVox anzuhören).

Sogar eine Action-Szene ist eingebaut (was in den Thorndyke-Romanen nicht die Regel ist): Der wahre Täter schießt mit einem Luftgewehr ein Geschoss mit einer Spritze ab, die ein tödliches Gift enthält (auch das wurde vorher vom Autor ausprobiert, das Gift durch Wasser ersetzt, vermute ich mal).

Der Höhepunkt ist die Gerichtsszene am Ende des Buchs, die über mehrere Kapitel geht und wie eine Filmszene "geschnitten" ist. Ernste und komische Szenen wechseln miteinander ab, die Spannung wird aber nach und nach erhöht, nicht zuletzt durch Kommentare von Dr. Jervis' Angebeteten, die ständig zwischen Hoffen und Bangen schwebt, bis dann Dr. Thorndyke mit einem gewagten Experiment die Waagschale zugunsten des Angeklagten neigt. Großes Kino - wie überhaupt Freemans Gerichtsszenen mit zum Besten gehören, was in dieser Hinsicht in der Kriminalliteratur zu finden ist.

Aber urteilt selbst!

Freeman-1907-RedThumbMark.pdf

Bearbeitet von Zeno
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Und heute dann der nächste Thorndyke-Roman, aber nicht etwa der zweite von 1911, sondern der dritte, der erst 1913 erschienen ist: "The Mystery of 31, New Inn". Das hat zwei Gründe:

(a) schließt er chronologisch an den ersten an und beschreibt, wie Dr. Jervis, der auch in diesem Buch wieder der Ich-Erzähler ist, nun endgültig zum Junior-Partner bei Dr. Thorndyke wird, und

(b) ist das Konzept zu diesem Roman tatsächlich älter als das zu "The Eye of Osiris" (geschrieben etwa 1905, also sogar auch VOR  "The Red Thumbmark", s. das Vorwort dieser Ausgabe). Tatsächlich hat sich dieses Konzept erhalten, das sozusagen den Ur-Thorndyke enthält, und wurde nach dem Tod von Freeman zum ersten Mal veröffentlicht. In der Ausgabe, die Ihr Euch hier herunterladen könnt, ist sowohl der Original-Roman als auch das Konzept enthalten, so dass Ihr - wenn Ihr wollt - beides miteinander vergleichen und dem Autor bei der Entstehung seines Romans über die Schulter sehen könnt.

Freeman-1913-NewInn.pdf

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