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Über diesen Blog

I let my dreams cross over To days of endless grey If I could merge the mundane and the magic We'd forge the new unknown (Dark Tranquillity)

Dies ist ein Roman in Blog-Form. Es geht um eine Informatikerin, deren Rollenspi

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Y_sea

31. Oktober

Ypey ackerte jeden Vormittag. Sie suchte im Netz nach Informationen, verschaffte sich einen allerersten kleinen Überblick über die verschiedenen Angriffe von Viren, Trojanern und Würmern, die bekannten Sicherheitslöcher. Über die Unbekannten gab es natürlich noch keine Informationen. Langsam begriff sie, was ich damit gemeint hatte, dass zwei Jahre eine zu kurze Zeit waren. Dass es vielleicht überhaupt nicht ging. Langsam wurde ihr das Ausmaß dessen klar, was sie für ihr Hacker-Visionen lernen müsste.

 

Als sie gerade ernsthaft in Erwägung zog, sich zu Lernzwecken auf einen Job als Systemadministratorin eines Windows-Netzwerks zu bewerben, protestierte ich endlich. So kam es, dass ich nicht gerade bester Laune war, als Robin und Feanor vom Einkaufen kamen.

 

"Ihr ward bei Takko?!", sagte ich verächtlich.

 

Robin verzog genervt seinen Mund.

 

Feanor war besser geschützt. Er hatte den Angriff gar nicht erst mitbekommen.

 

"Ja, guck mal, Mama, die BLINKEN!", rief er mir begeistert entgegen.

 

"Ja?", ätzte ich. "Und wie viele Kinder müssen dafür 12-Stunden Arbeitstage bis zur Hüfte in giftiger Gerbsäure verbringen?"

 

"Sag mal, spinnst du", fuhr Robin mich an, als Feanor ungläubig in mein zorniges Gesicht blickte und seine Hände, die eben noch so energiegeladen die blauen Winterschuhe mit Leuchtdioden in den Sohlen hoch gehalten hatten, matt nach unten sanken.

 

Ich verschwand im Schlafzimmer und knallte die Tür hinter mir zu.

 

So ist es immer!, beschwerte ich mich bei Ypey über das Unverständnis, das meine Familie für den Rest der Welt an den Tag legte. Er übernimmt etwas, aber er macht nicht das, was ich will. Und dann soll ich damit zufrieden sein. Als ob es so schwer wäre Schuhe zu kaufen, die unter fairen Bedingungen produziert wurden. Wir kennen doch die Läden. Dann kosten die halt doppelt so viel. Wer braucht Schuhe, die blinken?!

 

Ich warf mich mit dem Gesicht zuerst auf das Bett.

 

Du, entfuhr es Ypey. Du hast das Problem. Du hast ein schlechtes Gewissen!

 

Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen, brauste ich auf. Wie kann man in dieser beschissenen Welt leben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben?

 

Ypey war still.

 

Und?, forderte ich sie auf, drehte mich um und starrte an die weiße, nichtssagende Zimmerdecke.

 

Da wollte ich von ihr schon mal eine Antwort haben und plötzlich fiel ihr nichts Schlaues ein?

 

Ypey, sag was! Wie soll ich leben, wissend, dass die Produkte, die ich konsumiere, in menschenunwürdigen Bedingungen produziert werden? Wie soll ich ohne Reue essen, wissend, dass das Ökosystem der Erde das nicht mehr lange aushält?

 

Du, dachte sie und ritt ruhig die Welle der Erkenntnis, die sie gerade getroffen hatte. Du bist mein Abenteuer. Nicht die Milliarden armer Menschen da draußen. Ich muss etwas für dich tun.

 

Ich schluchzte.

 

Lass mich nachdenken, sagte sie und dann sagte sie lange Zeit nichts mehr.

 

* * *

 

"Was magst du nicht an den Schuhen?", fragte Feanor beim Abendessen.

 

Ich betrachtete ihn. Ich hatte jetzt nur die Wahl zwischen kaltem und warmem Mist. Wenn ich ihm sagte, dass ich die Schuhe schlecht fand, hätte ich jeden Morgen Stress mit ihm, wenn ich verlangte, dass er sie anzog. Wenn ich nichts sagte, würde der Konflikt und die Unsicherheit unterschwellig weiter schwelen. Aber er war sechs. Wie sollte ich ihm sagen, dass etwas, das er besaß auf der anderen Seite der Erde die Lebenserwartung von nur wenig älteren Kindern drastisch verschlechterte? Wie könnte er das verkraften? Ypey hatte recht. Ich hatte ein permanentes schlechtes Gewissen und das wollte ich Feanor nicht antun.

 

"Nichts, Schatz", sagte ich beruhigend. "Ich finde nur, dass es bessere Läden zum Schuhe kaufen gibt."

 

"Tschuhtschuh hat zu gemacht", warf Robin ein, der immer noch sauer war, weil ich seinen Einsatz nicht entsprechend gewürdigt hatte.

 

Ich schmollte ihn an.

 

Er schmollte zurück.

 

Dann stand er auf und eröffnete mir: "Ich gehe mal laufen."

 

Sein angebissenes Brot ließ er einfach auf dem Teller liegen.

 

"Was hat Papa?", fragte Feanor Minuten später, als endlich die Haustür hinter ihm zu gefallen war.

 

"Schlechte Laune", sagte ich. "Weil er keine Kritik verträgt. Nein, streich das. Weil er gerne möchte, dass wir alle zufrieden sind, und es strengt ihn an, wenn ich unzufrieden bin."

 

Feanor war still. Robin war weg. Ypey beobachtete mich.

 

Ich spürte es genau.

 

Es saß wie ein Ameisenhaufen in meinem Nacken.

 

Als ich die Teller von mir und Feanor in die Spülmaschine stellte, meldete sie sich wieder.

 

Du musst lernen, so zu werden wie ich: Selbstbewusst, unabhängig, autark.

 

Quatsch, antwortete ich mit düster verkniffenen Augen. Das letzte, was ich brauche, ist, so zu werden, wie du.

 

Unzufrieden betrachtete ich Robins angebissenes Brot, verzog den Mund und ließ den Teller stehen.

 

Was ist falsch daran, wie ich bin?, wollte sie wissen.

 

Du bist super. Als Rollenspielcharakter. Aber um mit Feanor und Robin umzugehen, geschweige denn mit Linda oder Vanhouten, dafür bist du völlig ungeeignet.

 

Ich glaube, da irrst du dich, meinte sie ernst.

 

Das Telefon klingelte. Es war Vanhouten. Wenn man vom ...

 

"Räum mal den Tisch fertig ab", zischte ich Feanor zu.

 

"Herr Vanhouten", sagte ich dann mit einer aufgesetzten Freundlichkeit, von der ich selbst überrascht war, wie leicht sie mir fiel. "Was kann ich für Sie tun?"

 

"Ihr Sohn hat schon wieder meine Tochter verprügelt."

 

"Mama!", rief Feanor.

 

Ich wechselte ins Schlafzimmer.

 

"Das ist meine letzte Warnung. Wenn das noch einmal vorkommt ..."

 

"MAMA!", brüllte es aus der Küche.

 

Ich hielt den Hörer zu und rief zurück: "Jetzt nicht, ich telefoniere gerade!" --"Entschuldigen Sie, ich habe das gerade nicht mitbekommen", sagte ich dann in den Telefonhörer.

 

"Ich werde dafür sorgen, dass der Bengel von der Schule fliegt!", rief Vanhouten, nicht wesentlich gesitteter, als mein Sohn.

 

"MAAMAAA!", kreischte dieser.

 

"Ich verstehe das nicht", sagte ich und rang um Gelassenheit. Etwas, das übrigens in sich ein Widerspruch ist. Was mich nicht davon abhielt, es zu versuchen. "Letzte Woche habe ich die beiden nach der Schule gesehen. Auf mich wirkte es, als hätten sie sich sehr gut verstanden."

 

"Wenn du nicht sofort kommst, dann schmeiße ich das Wasserglas runter!", rief Feanor.

 

Ich hoffte, dass durch die geschlossene Tür und den abgewandten Telefonhörer nicht so viel davon bei Vanhouten ankam.

 

"Könnte es nicht sein, dass die beiden eine ganz normale Kinderfreundschaft haben, die eben nicht ohne Konflikte einhergeht?", fragte ich. "So lernen sie doch Konflikte."

 

"Freundschaft?!", spuckte Vanhouten in das Telefon.

 

Klirr, Platsch, machte es aus der Küche und das Schliddern von Glasscherben über feuchten Dielenboden kroch deutlich unter dem Türschlitz hindurch und produzierte lebhafte Bilder in meinem Kopf.

 

Ich holte tief Luft.

 

"Ich habe meiner Tochter den Umgang mit ihrem Sohn verboten und wenn Sie ihn weiter auf dieser Schule haben wollen, dann rate ich Ihnen, das gleiche zu tun!"

 

Er legte auf. Ich vermisste die guten alten Telefone, wo man den Hörer auf die Gabel knallen konnte. So machte es nur sanft Piep, egal in welcher Stimmung man gerade war.

 

Ich hätte gerne meinen Frust am Telefon ausgelassen.

 

Stattdessen ging ich schwer atmend in die Küche.

 

Feanor stand triumphierend in seiner selbstgemachten Pfütze und hielt drohend seinen nackten Fuß über die Glasscherben.

 

"Feanor", sagte ich entschuldigend. "Ich habe gerade telefoniert, da kann ich nicht einfach auflegen und kommen, da musst du warten."

 

"Nichts muss ich!"

 

Ypey machte einen Schritt auf ihn zu und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.

 

Erschrocken schrie ich auf. Und wurde im nächsten Moment so wütend, wie ich schon lange nicht mehr wütend geworden bin.

 

Ypey, du verdammtes Miststück!, schrie ich sie an und Zorn blitzte aus meinen Augen, so dass Feanor, der mich noch ungläubig angestarrt hatte, Reißaus nahm und ohne Jacke und Stiefel zur Tür hinaus verschwand.

 

Was fällt dir ein?, tobte ich weiter. Dass du mein Leben aufmischst, ist ja noch ganz lustig. Aber von Feanor lässt du gefälligst die Finger. Ist das klar?

 

Keine Antwort.

 

Ist das klar, du undankbare, verantwortungslose Hexe?!

 

Immer noch blieb alles still.

 

Ich atmete auf. Es war ruhig. Es war still. Es war frei.

 

"Bleib, wo du bist", sagte ich laut. "Ich will dich nicht mehr hören. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben. Du und ich haben uns nichts mehr zu sagen."

 

Mit Grabesmiene nahm ich erneut das Telefon und wählte Tareks Nummer.

 

"Hey Hedwig", begrüßte er mich, weil er meine Nummer auf seinem Display erkannt hatte. "Alles klar? Schon bereit für Freitag?"

 

"Hallo Tarek", sagte ich ernst. "Ich wollte fürs Wochenende absagen."

 

"Was? Das ist ja schade. Was ist passiert?"

 

Ich schluchzte auf. Ich fiel auf die Knie, das Telefon rutschte mir aus der Hand und knallte auf den Boden.

 

"Hedwig?", klang es dumpf aus dem grauschwarzen Gehäuse.

 

Ich schluchzte und weinte und schniefte schließlich den Rest des Frustes weg.

 

Dann nahm ich das Telefon wieder auf. Es war still geworden.

 

"Tarek?"

 

"Ich bin noch dran", antwortete er. "Ist es wegen dem Sex? Hast du Angst vor Tobi?"

 

Ungeduldig schüttelte ich den Kopf, was er natürlich nicht sehen konnte.

 

"Ich will aufhören mit Rollenspielen. Ich kann das nicht mehr. Ich leide unter Realitätsverlust. Ich habe jetzt seit Wochen Ypey in meinem Kopf ertragen müssen."

 

"Was?"

 

"Ja, sie redet mit mir. Naja, natürlich bin ich es, die durch sie mit mir redet. Aber es ist wirklich so, als redete sie mit mir. Sie hat angefangen, Entscheidungen für mich zu übernehmen, und sagt zickige Sachen und macht ... naja."

 

In meiner Pause hörte ich Tarek schlucken.

 

Es tat unglaublich gut, es endlich jemandem zu sagen.

 

"Eben", fuhr ich hart fort, "eben hat sie--- habe ich Feanor geschlagen. Ich muss damit aufhören. Tut mir leid."

 

Ich legte auf. Schnell. Ich wollte nichts von ihm hören. Auch wenn ich es nicht gesagt hatte, das Ende meines Rollenspielens musste auch das Ende unserer Freundschaft bedeuten. Er würde mich immer wieder daran erinnern, was ich aufgegeben hatte. Ich konnte ihn nicht mehr sehen. Genausowenig wie Ypey.

 

Ich holte einen schon zusammengefalteten Umzugskarton aus dem Keller und baute ihn in meinem Arbeitszimmer auf.

 

Dann stellte ich säuberlich alle Rollenspielmaterialien in den Karton, alle Regelwerke, Quellenbände, Mappen mit Charakterbögen, Abenteuerbände, selbst geschriebene Abenteuer, Kartenmaterial, Figuren und Würfel. Ich faltete die Laschen des Deckels ineinander und beschriftete den Karton mit `Rollenspielen'. Dann trug ich ihn in den Keller und stellte ihn in die hinterste Ecke.

 

Der schwere Atem drückte mit Macht gegen die eiserne Umklammerung meines Brustkorbs, der krampfhaft versuchte, die Emotionen einzudämmen. Ich ging nach oben. Ich wischte die mit Glasscherben gespickte Pfütze auf. Dann machte ich mir trotz der späten Stunde einen Kaffee. Ich wollte mir etwas gönnen. Ich brauchte Kaffee. Gerade als ich mich mit dem Becher an den Küchentisch setzen wollte, auf dem noch die Reste des Abendessens standen, passierte es wieder.

 

Du spinnst, sagte eine verächtliche Stimme in meinem Kopf.

 

Ich verschüttete Kaffee und hielt den Becher nur mit Mühe gerade noch davon ab, ganz umzukippen.

 

Verschwinde!, schrie ich, während die Verzweiflung mir die Kehle zu schnürte.

 

Sie lachte. Dreckig. Überheblich.

 

Ich rannte in den Keller und riss den Karton auf und wühlte darin herum, bis ich ihren Charakterbogen gefunden hatte, die Mappe aus hellblauer Pappe, die alles über sie enthielt, ihre Werte, ihre Hintergrundgeschichte, ihren Werdegang, ihre bisherigen Abenteuer, ihre Kontakte und Bekanntschaften und den Grundstock ihrer Verhaltensweisen. Den Karton ließ ich offen und unordentlich stehen, wo er war. Die Mappe mit dem Charakterbogen hielt ich auf dem Weg nach oben mit spitzen Fingern, wie eine brennende Sylvesterrakete. Ich rannte in den Garten und warf die Mappe auf den Säulengrill, den ich glücklicherweise immer noch nicht in den Keller geräumt hatte, obwohl schon fast November war. Der Wind öffnete die Mappe und ihr eigenhändig gemaltes Bild blickte mich an. Spöttisch und arrogant, so wie ich sie gezeichnet hatte. Ich stellte fest, dass mir Tränen über die Wangen rannen.

 

Ich nahm das Feuerzeug von dem Fenstersims an der Veranda, wo es neben dem Aschenbecher lag, der da für meine rauchenden Gäste bereit stand.

 

Schluchzend drehte ich das Rad und ließ die Flamme ins Leben springen.

 

Das wagst du nicht!

 

Oh, doch, antwortete ich und konnte kaum atmen. Ich muss.

 

Ich bewegte die Flamme an den Karton der Mappe, der sofort einen schwarzen Rand bekam, aber nicht richtig brennen wollte.

 

Hör auf mit dem Scheiß!

 

Ich blätterte die Seite mit ihrem Bild um, denn es war in einer Klarsichtfolie. Folie verbrennen würde ich sonst nie! Aber es musste sein. Jetzt, bevor meine Entschlusskraft ins Wanken geriet.

 

Das wirst du bereuen.

 

Ich zündete also die Blätter dahinter an, die die nicht durch Klarsichtfolien geschützt waren.

 

Du brauchst mich.

 

Die Flamme sprang über, der Wind ergriff sie und bald fauchte das glühende Gas in die Luft. Auch die Pappe fing Feuer und wehrte sich nun nicht mehr. Die Folie schmorte und wurde zu giftigem Qualm. Warf Blasen. Schmirgelte zusammen.

 

"Was machst du da?"

 

Ich zuckte zusammen. Dann drehte ich mich blitzartig um.

 

"Feanor!", schluchzte ich und warf mich fast auf ihn. "Feanor, es tut mir so leid. Ich wollte dich nicht schlagen. Ich wollte das nicht. Es tut mir so leid. Verzeih' mir. Ich werde das nie wieder tun!"

 

Ich umarmte ihn, streichelte ihm über die Haare und küsste ihn auf die Wange.

 

"Jaja, ist ja gut", sagte er offensichtlich peinlich berührt. Dann wiederholte er: "Was machst du da? Was verbrennst du da?"

 

Ich schniefte und blickte mich um. Die Mappe mit dem Charakterbogen war zu einer schwarzen Masse verschmolzen, die grau rauchend vor sich hin schmorte. Flüssige Folie tropfte vom Rost in das Kohlebecken des Grills.

 

Ich seufzte tief und erleichtert.

 

"Was vom Rollenspielen", sagte ich, so locker ich konnte.

 

"Kann ich auch was verbrennen?", fragte Feanor.

 

Ich musste lachen.

 

"Jetzt ist der Grill ja sowieso versaut. Wenn du mir danach hilfst, den Rost sauber zu machen, kannst du auch was verkokeln", stimmte ich zu. "Was willst du denn verbrennen?"

 

"Weiß nicht. Meine Flöte?"

 

"Nein."

 

"Dachte ich mir schon", erwiderte er ungerührt. "Wie wäre es mit dem Struwwelpeter, den du sowieso nicht ausstehen kannst?"

 

"Gute Wahl", freute ich mich. "Hol ihn her."

Y_sea

24. Oktober

Ypey sponn noch anderen Mist zusammen, aber die Nachmittage gehörten Feanor.

 

Zwar waren es phantastische Nachmittage mit den beiden. Aber eine Woche lang gerieten wir jeden Abend aneinander, weil er vor dem eigentlich schon zu späten Abendessen noch Hausaufgaben machen und Flöten sollte. Fünf Minuten Flöten dehnten sich mit Wutanfällen zwischen je ein Dutzend Tönen auf etwa eine halbe Stunde aus.

 

Ich beschloss, etwas zu ändern.

 

"Heute machst du deine Hausaufgaben, bevor wir losfahren. Und je konzentrierter du tatsächlich fünf Minuten übst, desto eher können wir los. Alle Wutanfälle gehen von der Steinbruch-Zeit ab."

 

Feanor rümpfte seine Nase, zog aber sofort seine Flöte aus dem Ranzen und pfiff darauf herum. Gelangweilt. Ohne Finger.

 

Sollen wir mal ein Lied versuchen?", fragte ich ihn und holte einen Kochlöffel hervor, um ihm die Griffe vorzumachen.

 

Er brauchte zwischen jedem Ton sekundenlang, bis er den nächsten Griff fand, aber ich wiederholte die Sequenz aus sechs Tönen mehrmals und plötzlich ging ihm ein Licht auf.

 

"Das ist Hänschen-Klein!", rief er und ich war von seiner Begeisterung selbst überrascht.

 

Dann fiel sein Blick auf die Uhr.

 

"Das waren schon fast zehn Minuten", sagte er empört und schmiss die Flöte in seinen Ranzen und zog die Stiefel an.

 

"Los!", drängelte er mich.

 

Auf dem Weg zum Steinbruch kamen wir an einem Spielplatz vorbei.

 

"Hallo Feanor!", rief ein Mädchen, das gelangweilt alleine auf einer Wippe saß.

 

"Hallo", erwiderte Feanor und fuhr schnell weiter.

 

Ich dagegen hielt an.

 

"Wer bist denn du?", fragte ich sie. "Bist du mit Feanor in einer Klasse?"

 

"Ja. Ich heiße Marie-Ann."

 

Sie hatte die braunen, schulterlangen Haare zu zwei Zöpfen im Nacken gebunden. Es sah süß aus, aber auch ein bisschen wild.

 

"Hallo Marie-Ann, schön dich kennenzulernen. Ich bin Hedwig. Feanors Mutter."

 

Feanor hatte sein Fahrrad unterdessen gewendet und war zurück gekommen.

 

"Mama, was ist?", machte er ungeduldig.

 

Ich aber hielt meine Augen auf Marie-Ann und witterte eine pädagogische Möglichkeit.

 

"Feanor hat mir erzählt, dass du sehr gut werfen kannst."

 

"Mama!"

 

Der Horror in Feanors Stimme war deutlich zu hören.

 

Ich verkniff mir ein Lächeln.

 

Marie-Ann sah verwirrt von Feanor zu mir.

 

"Wir sind gerade auf dem Weg zum Steinbruch", erklärte ich ihr. "Da werfen wir mit Steinen auf kleine Ziele. Hast du nicht Lust mitzukommen?"

 

"Mama."

 

Jetzt war es schon mehr die Verzweiflung.

 

Sie guckte auf die Uhr.

 

"Meine Mutter hat gesagt, ich muss um sechs wieder zuhause sein", sagte sie.

 

"Nun, dann bleiben wir nur kurz", meinte ich. "Komm nur mit."

 

Sie saß immer noch so verloren auf der schiefen Wippe.

 

"Ich glaube, Feanor möchte nicht, dass ich mitkommen", sagte sie zaghaft.

 

"Ehrlich gesagt", sagte ich ungerührt, "glaube ich das auch. Aber weißt du, Feanor kennt die Bedeutung des Wortes "Rücksichtnahme" noch nicht. Nachdem ich ihm lange versucht habe, zu demonstrieren, wie das geht, würde ich jetzt gerne mal versuchen, ihm zu demonstrieren, wie es ist, wenn auf seine Wünsche keine Rücksicht genommen wird."

 

Einen Moment sah sie mich an, dann sagte sie: "Dabei helfe ich Ihnen gern, Frau Schulz."

 

Cleveres Mädchen, freute sich Ypey.

 

"Nenn mich Hedwig. Und sag du zu mir, sonst fühle ich mich so alt."

 

Feanors Schmollen hielt nur noch zwei Minuten an.

 

Dann lachte er plötzlich und amüsierte sich mit Marie-Ann über den Vertretungslehrer, den sie heute gehabt hatten. Ab da waren sie unerschütterlicher guter Laune und es war Feanor, der Marie-Ann begeistert zeigte, wie sie werfen sollte.

 

Wir schafften es sogar, rechtzeitig wieder bei dem Spielplatz zu sein, von wo aus Marie-Ann allein nach Hause fuhr.

Y_sea

20. Oktober

Am nächsten Morgen hatte Ypey endlich wieder Tatendrang.

 

Nach dem missglückten Versuch mit der Bettlerin zu reden, hatte sie sich zurückgezogen und beobachtet, was ich so machte. Das war nicht viel gewesen. Ich hatte die Gelegenheit ergriffen, auszuspannen, etwas das ich, so schien es mir, seit Feanors Geburt nicht mehr gemacht hatte. Ich hatte stundenlang auf dem Sofa gelegen und an die Decke gestarrt. Meine Gedanken liefen dabei hierhin und dorthin, wo immer sie hin wollten. Zwischendurch war ich aufgestanden, um ein heißes Wasser zu trinken, woraufhin ich mich wieder hingelegt hatte. Ich hatte es genossen.

 

Aber ich hatte schon gemerkt, dass Ypey noch nicht fertig war.

 

Ich habe nachgedacht, eröffnete sie mir heute. Einzelnen armen Menschen Geld zu verschaffen, würde das Problem ja sowieso nicht lösen.

 

Da stimmte ich ihr zu.

 

Wir müssen das in großem Stil machen. Ihr habt doch alle diese Konten, auf denen offenbar Geld gespeichert ist und mit den kleinen Plastikkarten bekommt ihr es da herunter.

 

Oh-oh.

 

Ich setzte mich auf dem Sofa auf.

 

Was wir machen müssen, ist folgendes: Wir hacken uns in die Banken und platzieren einen Virus, der zu einem bestimmten Stichtag alle Konten nivelliert. Alles Geld, was drauf ist, wird gleichverteilt auf alle Konten, die es gibt.

 

Brilliant, dachte ich spöttisch und legte mich wieder hin, aber ich weiß gar nicht, wo ich damit anfangen soll, aufzuzählen, was an dem Plan nicht stimmt.

 

Fang halt irgendwo an, forderte sie mich grantig auf und wanderte mit meinem Körper, den ich gerade erst wieder in die Horizontale gebracht hatte, wie ein Tiger durch das Wohnzimmer.

 

Erstens. Ich kann das gar nicht. Ich scheitere doch schon an den Design Patterns.

 

Das können wir lernen. Dann dauert das halt zwei Jahre.

 

Zwei Jahre? Ich glaube eher, dass es gar nicht geht. Ich glaube nämlich, wenn das so einfach wäre, dann hätte es schon jemand getan.

 

Vielleicht wollte es nur noch niemand dringend genug.

 

Sie setzte mich an den Computer und startete Firefox.

 

Zweitens. Es gibt Backups, auch auf Papier, so wie Kontoauszüge, aber auch auf Festplatten.

 

Wir lassen es aussehen, wie richtige Transaktionen. Niemand wird mehr nachvollziehen können, welche Transaktionen an dem Tag legitim waren und welche nicht. Wir lassen sofort jeder Person einen Kontoauszug per Email zukommen, der den aktuellen Kontostand angibt.

 

Sie öffnete meinen Onlinebanking account, wie um mir zu zeigen, dass das möglich wäre.

 

Das Mindeste, das wir erreichen, ist ein Signal!, dachte sie fröhlich.

 

Drittens. Es betrifft nicht das Vermögen, das in anderen Formen existiert. Aktien, Optionen, Häuser, Yachten, Fabriken.

 

Na gut, aber es wäre schon mal besser als nichts. Ich meine eine völlige Gleichverteilung will ja auch niemand. Ich will es ja nur etwas ausgleichen.

 

Viertens. Wer gibt dir das Recht dazu?

 

Hä? Niemand! Wieso muss mir jemand das Recht dazu geben? Ich mache es, weil ich es für richtig halte. Mehr?

 

Fünftens. Es ändert nichts. Es gäbe immer noch Kapitalismus. Es würde alle in das totale Chaos stürzen. Wer weiß, was passiert. Hunger. Fehlende Gesundheitsversorgung. Wasserversorgung. Ich mag gar nicht daran denken.

 

Feigling.

 

Sie suchte etwas und fand es sofort in der Liste von Links, die Ixquick ihr lieferte.

 

Das erste, das wir brauchen, fuhr sie fort, als hätte ich zugestimmt, ist eine Möglichkeit, unerkannt an Informationen zu kommen.

 

Sie lud den Tor Proxydienst herunter.

 

Ypey, dachte ich ernst. Es ist ein schöner Traum. Ich würde auch gerne etwas richtig Cooles in meinem Leben machen, aber das ist totaler Quatsch. Es ist unrealistisch, kurzsichtig, egozentrisch, gefährlich.

 

Genau mein Stil also, grinste sie.

 

Bevor sie Tor installierte, richtete sie noch einen versteckten, verkrypteten Bereich auf meinem Computer ein.

Y_sea

19. Oktober

Gegenüber des kleinen Seiteneingangs lag ein Haufen Lumpen.

 

Es war dunkel, nur der blasse Sichelmond verbreitete minimales Licht und Ypey konnte kaum etwas erkennen, nahm aber an, dass es sich um die Bettlerin handelte, die sie heute Mittag dort hatte sitzen sehen, als sie die Kirche ausgekundschaftet hatte.

 

Sie beobachtete sie einige Herzschläge. Morien und Al Forno atmeten zu laut und Moriens kurzes Kettenhemd klimperte. Aber der Lumpenhaufen rührte sich nicht.

 

Ypey zückte ihre Dietriche, fuhr mit den Spitzen ihrer samtbehandschuhten Finger über das grobe Schloss der Kirchentür und drang mit dem gebogenen Draht dort ein, fühlte zart darin herum. Es klemmte.

 

Sie ölte das Schloss und versuchte es noch einmal.

 

Endlich gab der Mechanismus nach und folgte ihrem probenden Fühlen.

 

Sie atmete auf und öffnete die Tür.

 

Das Kirchenschiff war zu dieser späten Stunde verlassen und düster. Am Haupteingang brannten einige Kerzen, aber sie erhellten die andere Seite der großen Halle nicht. Ypey schlich an den Kirchenbänken vorbei zu dem Eingang in die Nebenräume, wo sie wusste, dass das Büro des Abtes lag. Sie hätte es sich sparen können, zu versuchen, leise zu sein. Morien rasselte und Al Forno stieß sich den Zeh an einer Bank, fluchte laut und hüpfte dann auf dem anderen Fuß ein paar Meter, so dass jeder Sprung laut durch die Kirche hallte.

 

"Warum bleibst du nicht hier und passt auf, dass niemand kommt", zischte Ypey Al Forno zu.

 

Der nickte, setzte sich auf den Rand einer Bank und zog seinen Stiefel aus.

 

Ypey rümpfte die Nase und machte sich wieder auf den Weg.

 

Eigentlich störte es nicht, dass die anderen beiden so laut waren. Die Kirche war leer und niemand würde um diese Zeit nachsehen, ob etwas los war. Aber es ging gegen ihren professionellen Ehrgeiz.

 

Morien folgte ihr aber und im Grunde hatte sie ihn auch ganz gerne an ihrer Seite.

 

Das Zimmer des Abtes war noch nicht einmal abgeschlossen. Sie huschten hinein und Ypey schloss leise die Tür. Sie zog im Dunkeln die Vorhänge vor das kleine Fenster und blendete dann ihre Laterne auf. Ein Schreibtisch, eine Truhe, eine Glasvitrine, ein Schrein, ein Teppich auf dem glatten Marmorboden, Holzvertäfelung an den Wänden.

 

"Fangen wir mit dem Offensichtlichen an", raunte sie Morien zu und nickte zum Schreibtisch.

 

Sie selbst machte sich an der Truhe zu schaffen, deren Deckel sich wenig später sanft knarrend öffnete.

 

Auf einem Bett aus Goldstücken lag das Objekt ihrer Begierde. Ihr Auftrag.

 

Ypeys Finger schlossen sich um die Jadestatue, die eine langgezogene Katze darstellte. Selbst durch den Samt fühlte sich der Stein glatt und kalt an. Er versprach Reichtum. Eine erregende Welle stieg durch sie auf, kroch die Beine nach oben, kribbelte an der Innenseite der Oberschenkel, entflammte ihren Unterleib.

 

"Morien", sagte Ypey mit einem heiseren Flüstern.

 

"Was? Ist sie das?"

 

Er deutete auf die Statue in Ypeys Hand.

 

Ypey nickte und stellte die Statue neben die Truhe, aus der sie sie gerade geholt hatte.

 

Morien sah sie verständnislos an, als sie mit wenigen Schritten die Entfernung zu ihm durchmaß. Er stand noch immer am Schreibtisch, wo er nach verborgenen Fächern gesucht hatte.

 

"Du willst mich doch schon lange", sagte Ypey hart.

 

Morien sagte nichts.

 

Ypey fegte mit einer langen Bewegung ihres Arms den Schreibtisch leer. Pergament flatterte in diesem selbst entfachten Sturm durch den Raum, die silbernen Kerzenhalter schlugen mit lautem Krachen auf dem Marmorboden auf, das Tintenfass zerbrach und formte einen interessanten Klecks, die Federn klapperten wie Dekoration, als sie darum herum den Boden erreichten.

 

Morien starrte.

 

"Nimm mich hier!", sagte Ypey und setzte sich auf den Schreibtisch.

 

"Ich ... was?", sagte Morien.

 

Ypey griff nach dem Saum ihres dunklen Hemdes und zog es sich über den Kopf. Der Ruß von ihrem Gesicht hinterließ dort sicher Spuren, aber es war ihr egal. Fremd und kühl schimmerte die helle Haut ihres Rumpfes und ihrer konischen Brüste.

 

Morien blinzelte nur.

 

Ypey zog eines ihrer langen Beine an und begann die schwarze Baumwollhose auszuziehen. Der dehnfähige Stoff glitt über die Stiefel, so dass sie sich damit nicht abmühen musste.

 

"Was ist los mit dir?", höhnte Ypey, weil Morien immer noch nicht reagierte.

 

Sie stand also auf, stellte sich dicht vor ihn und führte seine behandschuhten Finger an ihre Brust. Sie drehte ihn mit dem Rücken zum Schreibtisch und stieß ihn mit plötzlicher Wucht rückwärts auf den Tisch. Sofort saß sie auf ihm, öffnete seine Hose und half ein bisschen nach, bis sie ihn in sich spürte.

 

Während sie sich auf ihm bewegte, grub sie ihre Finger, die noch in schwarzem Samt steckten, in seine Brust, bis er endlich nach ihrer Hüfte griff. Die eisernen Nieten seiner Kampfhandschuhe kratzten hart in ihre weiche Haut. Er fing an zu stöhnen.

 

Aber kurz bevor er kam, sprang sie von ihm runter.

 

"Streng dich ein bisschen an, wenn du mich willst!", sagte Ypey.

 

Etwas schwerfällig, heftig atmend, rollte er sich vom Schreibtisch und kam ihrer Aufforderung endlich nach. Er griff nach ihr, aber Ypey wich flink um den Schreibtisch herum aus. Statt ihr darum herum zu folgen, griff er schlicht mit seinen muskelbepackten Armen nach ihrer Schulter und im nächsten Moment schrie Ypey überrascht auf, als ihr Oberkörper hart auf der rauhen Holzoberfläche aufschlug.

 

Ohne seinen Griff von ihrer Schulter zu lösen, stieg Morien über den Schreibtisch auf ihre Seite. Ypey wand sich in seinem Griff, aber rohe Kraft war so ziemlich das Einzige, in dem sie ihm unterlegen war. Also begnügte sie sich damit, ein wenig zu zappeln, während er sich hinter sie stellte.

 

Sie spürte ihn an ihrem Po, wie er ungeschickt zwischen ihren Beinen herum fingerte, mit der anderen Hand ihren Rücken fest auf den Tisch presste. Für letzteres waren seine Handschuhe besser geeignet. Aber schließlich stieß er wieder in sie hinein. Er keuchte und riss unwillkürlich stärker an ihrem Arm und die Extase übernahm Ypey.

 

Die Tür flog auf und Al Forno kam herein.

 

"Ein Priester ist auf dem Weg", rief er. Dann stellte er sich lässig in den Türrahmen.

 

Morien hatte Ypeys Arm sofort losgelassen.

 

"Hör jetzt bloß nicht auf!", schrie sie ihn an.

 

Er befolgte ihren Befehl. Ypey warf einen überheblichen Blick auf Al Forno und stützte sich für die letzten Momente noch auf ihre Arme.

 

Dann brachen Morien und sie erschöpft auf dem Schreibtisch zusammen.

 

Mit Moriens Gewicht auf ihrem Rücken, begann Ypey zu lachen.

 

"Du bist ein Mistkerl, Al Forno. Du bist ein echtes Arsch."

 

"Was ist in euch gefahren?", entgegnete er. "Das konnte man durch die ganze Kirche hören."

 

So, Hedwig, dachte Ypey zufrieden, so macht man Sex.

 

Äh, dachte ich, zu geschockt, um einen kohärenten Satz zu erwidern.

 

Dann sagte Ypey unbekümmert mit meiner Stimme, mit der sie schon die ganze Szene, bis auf Al Fornos Auftritt, gesponnen hatte: "Ich schiebe Morien aus mir raus und lasse mich auf den gepolsterten Sessel sinken. Soll der Abt sich morgen wundern, woher der Fleck kommt." Sie grinste kindisch. Ich hatte mich tief in meinem Kopf verkrochen und schaffte es gerade noch, nicht das Gesicht in meinen Händen zu vergraben. "Dann lege ich die Füße auf den Schreibtisch. Die stecken immer noch in den Stiefeln", freute sie sich weiter.

 

Grinsend wendete sie sich an Tobi, der zwar eine Weile gebraucht hatte, aber schließlich Morien doch hatte mitmachen lassen.

 

"Das war ganz nett, Morien", sagte Ypey gelassen. "Das sollten wir bei Gelegenheit wiederholen."

 

"Ich weiß nicht", murmelte Tobi für Morien. "Morien ist verstört. Wo ist denn jetzt dieser Priester?"

 

Ypey lachte schon wieder.

 

Offensichtlich hatte Morien überhaupt nichts verstanden.

 

Aber Tobi, der lachte auch.

 

* * *

 

"Was war das denn heute abend?", fragte Tarek, nachdem die anderen beiden gegangen waren und wir alleine in seiner Küche saßen.

 

Genau, Ypey, stimmte ich ihm zu. Was sollte das denn?

 

Als Antwort erntete ich nur ein höhnisches Gelächter. Es war wohl an mir, ihm irgendetwas Beruhigendes zu erzählen.

 

"Naja", begann ich unsicher. Kleinlaut. "Ich hab' mir ja vorgenommen, sie authentischer zu spielen. Und das kam mir einfach so ... als ich - äh - sie die Statue in der Hand hatte. Ist doch irgendwie ein erotischer Moment. Oder?"

 

Tarek schüttelte lachend den Kopf.

 

Überspielte er seine Besorgnis?

 

"Ist das so?", fragte er, durchaus etwas peinlich berührt. "Ist das so, dass Frauen das so wollen? So ... hart?"

 

"Woher soll ich das wissen?", entgegnete ich. "Mit so vielen Frauen habe ich auch noch nicht geschlafen."

 

"Ich dachte, das wären - hm - Männerphantasien", grinste er.

 

"Das war Ypey", sagte ich. "Ich stehe auf langsames, zärtliches Vorspiel."

 

Unsere Blicke begegneten sich.

 

Hektisch packte ich meine Sachen, verabschiedete mich und ging.

 

* * *

 

Als ich in dieser Nacht nach Hause kam, schlief Robin schon. Das war nicht ungewöhnlich, wenn ich vom Rollenspielen kam.

 

Ich zog mich aus.

 

Bevor ich meinen Schlafanzug anziehen konnte, legte Ypey meinen Körper dicht an Robins schlafenden.

 

Hör auf, dachte ich panisch. Wenn du so mit ihm umspringst, wie mit Morien, verschreckst du ihn nur.

 

Sie kuschelte sich von hinten an ihn und streichelte sanft über seinen Bauch.

 

Als Robin sich regte und zu mir drehte, zog Ypey sich zurück. Robin küsste mich, während er langsam wach wurde und sich offensichtlich darüber amüsierte, dass ich ihn mit eindeutiger Aufforderung geweckt hatte.

 

Er berührte mich mit gefühlvoller Inbrunst, die mich zuerst überraschte, bis ich feststellte, dass er mich genauso berührte wie immer. Ich war anders. Ich war völlig gelöst, lachte befreit auf, wenn es kitzelte, gab mich vollständig hin, als die Lust erwachte, und forderte mehr.

 

Ein kleiner Teil meiner Aufmerksamkeit suchte misstrauisch nach Ypey. Aber es war nicht Ypey, die dieses Befreiungsgefühl schuf. Es war nicht ihre Anwesenheit, es war das Fehlen von Scham.

Y_sea

17. Oktober

Was, fragte Ypey mich bei einer Tasse heißen Wassers am nächsten Vormittag, ist das größte Problem deiner Welt?

 

Nachdem ich vorgestern über den Wasserverbrauch einer Tasse Kaffee gelesen hatte, hatte ich wieder angefangen, heißes Wasser zu trinken, was genauso gut schmeckt, ich musste mich nur wieder daran gewöhnen, nicht gedankenverloren zum Kaffeepulver zu greifen.

 

Wow, entgegnete ich. Keine leichte Frage. Aber ich habe eine Antwort, die zumindest für mich stimmt. Es ist die größer werdende Kluft zwischen Armut und Reichtum.

 

Was ist daran das Problem?

 

Wie, "was ist daran das Problem"? Du hast doch die letzten Tage darüber gelesen. Es erstreckt sich davon, dass neben verhungernden Kindern Viehfutter in Massen angebaut wird, bis zu dem dramatischer werdenden Stress, den alle in den Industrieländern haben.

 

Ypey trank aus, zog die Jacke an und marschierte Richtung U-Bahn.

 

Das verstehe ich nicht, dachte sie währenddessen weiter. Wieso liegt das an der größer werdenden Kluft zwischen Armut und Reichtum?

 

Naja, angebaut wird, was Geld bringt. Nicht was Hunger stillt. Das ist doch ein Problem.

 

Stimmt, gab sie zu. Aber warum liegt es an der Kluft? Warum liegt es nicht nur an der Armut?

 

Mit gemischten Gefühlen betrachtete ich die beiden Ticketautomaten, von denen einer außer Betrieb war. Er wies tiefe Kratzspuren an der Front auf, so als habe jemand versucht, die metallene Abdeckung abzubekommen.

 

Ich war das nicht, beantwortete Ypey meine nicht gestellte Frage. So stümperhaft würde ich nicht vorgehen. Außerdem habe ich mittlerweile begriffen, dass der erste Schritt nicht das Nachsehen im Automaten wäre, sondern die Informationsbeschaffung über das Internet.

 

Aber das sollten wir so machen, dass es niemand zu uns zurückverfolgen kann, murmelte ich geistesabwesend, während ich ein Tagesticket an dem anderen Automat löste.

 

Wir fuhren los.

 

Also?, nahm sie den Faden wieder auf. Warum liegt es an der Kluft?

 

Ich hatte nicht sofort eine Antwort parat. Aber bei Ypey brauchte ich das auch nicht, ich konnte mit ihr überlegen.

 

Um in dem Beispiel zu bleiben, begann ich. Ist es nicht so, dass Menschen eigentlich nur ein bisschen Land bräuchten, um darauf die Nahrungsmittel anzubauen, die sie benötigen? Der Reichtum von anderen ist es, was es diesen anderen ermöglicht, ihnen das bisschen Land wegzunehmen. Sie auszugrenzen. Sie müssten nicht reicher werden. Nur weniger machtlos. Machtlos gegen die Interessen der Reichen. Wenn alle die gleichen Chancen hätten, ihre Interessen durchzusetzen, egal, wie viel Geld sie haben, dann wäre Geld vielleicht wirklich nicht das Problem.

 

Aha, fasste Ypey zusammen. Es geht darum, dass die Reichen mehr Möglichkeiten haben, das zu machen, was sie wollen. Und die Armen keine Chance haben, sich davor zu schützen, wenn es gegen ihre Interessen geht.

 

Hm-m, dachte ich. Abenteuer?

 

Noch nicht.

 

Wir stiegen diesmal in der Innenstadt aus und wanderten durch die Yuppie-Fußgängerzone, in der die großen Geschäften ihre Hochglanzfassaden präsentierten. Riesenhafte Banner priesen Produkte an, die niemand wirklich brauchte. Metall und Glas glasierten die Geschäftsräume wie eine sterile Verpackung. Niemanden interessierte es, wie die Waren in die Regale kamen. Wer sie unter welchen Bedingungen zu welchen Hungerlöhnen produzierte. Auf der einen Seite: Billig, billig billig. Auf der anderen: Schicker als meine Nachbarin. Ich ging nicht gerne einkaufen. Ich fühlte mich nicht wohl. Ich wollte an dem Wahn nicht teilhaben.

 

Aber Ypey ging in ein Geschäft nach dem anderen und sah sich um. Sie ging wieder raus und betrachtete die Schaufenster. Sie ging in das nächste und prüfte den Stoff eines Mantels oder das Leder einer Handtasche. Wieder draußen betrachtete sie die Lichtshow der Werbung. Sie probierte Schuhe an, roch an Parfüm, ließ ihre Finger über dekorative Kerzenständer und riesenhafte Schmetterlinge aus Plastik gleiten. Von einem Geschäft zum nächsten ging sie, kaufte aber nichts.

 

Und zwischen den glitzernden Konsumtempeln saßen gelegentlich bettelnde Menschen.

 

Bei Nike schlüpfte sie in ein paar Joggingschuhe.

 

"Kann ich Ihnen helfen?", fragte eine freundliche Verkäuferin mit glitzerndem Modeschmuck in ihrem blondierten Haar.

 

"Ja", erwiderte Ypey glücklich. Sie sah der Verkäuferin in die Augen, die prompt zur Seite sprangen. "Ich habe mich gefragt, unter welchen Bedingungen diese Schuhe hergestellt wurden. Können Sie mir sagen, ob ein Kind die genäht hat, und wie viel es dafür pro Stunde bekommt?"

 

Das antrainierte Lächeln entglitt der armen Angestellten.

 

Ypey, dachte ich, die macht hier nur ihren Job.

 

"Ähm", sagte sie und blinzelte. "Ich glaube, es gibt ein Broschüre. Letztes Jahr zur Fußball-WM hat Nike eine Broschüre gegen Kinderarbeit herausgebracht. Vielleicht haben wir davon noch welche."

 

Sie floh hinter die Kassentheke und beriet sich mit ihrer Kollegin, die noch aufgetakelter war und an deren dick geschminkten Lippen man nicht vorbei sehen konnte.

 

Ypey stellte sich lässig davor.

 

"Ich weiß ja", sagte sie beruhigend, "dass Sie selbst keinen Einfluss darauf haben, unter welchen Bedingungen die Schuhe produziert werden, weil sie nur Angestellte sind. Aber das mindeste, was sie tun könnten, ist Ihren Vorgesetzten zu sagen, dass es durchaus Menschen gibt, die das Thema interessiert."

 

"Ja, wir werden das weiter geben", lächelte die Kollegin mit dem knallrosa Mund unverbindlich.

 

"Und die zweite Sache", fuhr Ypey unbeirrt fort, "ist die. Sie könnten sich entscheiden, nicht für ein Unternehmen zu arbeiten, das Kinder zu Hungerlöhnen arbeiten lässt."

 

"Ich bin froh, dass ich diesen Job habe!", protestierten die Zuckergusslippen.

 

"Was?!" Ypey war tatsächlich entsetzt. Viel konnte sie nicht aus der Fassung bringen. "Sie sind auch noch dankbar dafür, dass jemand anderes sie ausbeutet? Wie masochistisch ist das!"

 

Ypey!, warnte ich zaghaft.

 

Die Verkäuferinnen schüttelten nur verständnislos mit dem Kopf.

 

"Ich brauche doch Geld zum Leben", wagte die erste zu sagen.

 

"Naja, ein bisschen weniger ... Schminke ... würde Ihnen ja auch nicht schaden", sagte Ypey.

 

Da kam auch schon ein Mann in schwarzem Anzug aus dem Fahrstuhl.

 

Ypey stellte lässig die Turnschuhe, die sie bis dahin noch an den Füßen gehabt hatte, auf den Tresen, grinste den Ankömmling an und lief dann barfuß, mit meinen Schuhen in der Hand nach draußen.

 

Warum wolltest du nicht mit ihm reden?, fragte ich sie. Das war bestimmt der Geschäftsführer.

 

Was hätte das gebracht?, fragte sie zurück. Der kennt die Propaganda seines Ladens. Und ich hatte keine Lust, die nächste Stunde damit zuzubringen, mir die Phrasen anzuhören, von denen er selbst weiß, dass sie gelogen und heuchlerisch sind.

 

Was wolltest du dann da drin?

 

Ich suche nach Leuten, die so unzufrieden mit ihrer Situation sind, dass ich ihnen helfen kann. Typisches Syndrom erfolgreicher Abenteurerinnen. Aber die beiden sprechenden Schaufensterpuppen haben ja noch nicht einmal erkannt, dass sie ein Problem haben. So jemandem zu helfen, macht keinen Spaß. Glaub mir. Langjährige Erfahrung.

 

Ypey setzte sich neben eine alte Frau mit wenigen fauligen Zähnen, die auf einer zusammengefalteten Decke saß und einen Coffee-to-go-Becher vor sich stehen hatte, in dem ein paar Münzen lagen. Ypey wackelte mit meinen Zehen und zog sich dann seelenruhig die Schuhe wieder an.

 

Als sie fertig war, betrachtete sie die Alte einen Moment, die etwas Unverständliches vor sich hin murmelte.

 

"Hier", sagte Ypey und reichte ihr zwei 50-Euro-Scheine.

 

Wo hatte sie die her?

 

Die Augen der Bettlerin wurden groß. Sie wirkten glasig.

 

"Ich möchte dir eine Frage stellen: Was würdest du mit einer Millionen Euro machen?"

 

Die Bettlerin hatte sich die zwei Scheine geschnappt und rappelte sich mühsam auf. Schnelles Schlurfen brachte einige Meter zwischen mich und sie, bevor sie sich noch einmal unsicher umblickte. Ich merkte, wie Ypey ihr verständnislos hinterher sah.

 

Die Bettlerin tappte weiter. Ihren Pappbecher mit 76 Cent hatte sie einfach stehen gelassen.

 

Wieso hat sie nicht geantwortet?, fragte Ypey.

 

Vielleicht hat sie die Frage überfordert.

Y_sea

16. Oktober

"Mama?", fragte Feanor mich am nächsten Tag. "Übst du nochmal werfen mit mir?"

 

Ypey?

 

Klaro.

 

"Warum nicht?", lächelte ich dann. "Aber nicht hier. Ich weiß einen besseren Platz. Was hältst du von einem Ausflug in den Steinbruch?"

 

Dort waren wir seit dem Umzug nicht gewesen, obwohl er von der neuen Wohnung nicht weiter weg war als von der alten.

 

Feanor strahlte. Den Steinbruch mochte er. Auflüge mochte er. Und er wusste, es würde Picknick geben.

 

"Magst du mir helfen, Picknick einzupacken?", bot ich ihm an und während ich Äpfel in Schnitze schnitt, suchte er Kekse und Bionade zusammen.

 

Der Steinbruch war ein brachliegendes Gelände, in dem früher die gelben Steine abgebaut worden waren, die noch immer an manchen der alten Häuser in der Gegend zu sehen waren. Mittlerweile wuchsen dort Birken und Erlen und dorniges Gebüsch. Aber es gab auch eine große, steinige Wiese, auf der manchmal irgendwer ein Feuer entzündete. Die Wände waren steil und felsig und aus dem gleichen gelben Kalkgestein.

 

Es war nicht immer menschenleer, aber wir waren in einer Ecke hinter ein paar Haselbüschen weitgehend allein. Dort bauten wir uns große Steine auf, auf die wir kleinere Steine zu waghalsigen Türmen stapelten.

 

Ypey übte mit Feanor und er wurde sichtbar besser. Aber nach ein paar Minuten hatte er plötzlich keine Lust mehr.

 

"Was ist los mit dir?", fragte Ypey, als Feanor dabei trödelte, neue Wurfsteine aufzulesen. "Komm schon wieder an die Linie."

 

Feanor schleuderte einen Stein in Richtung der Linie.

 

"Lass das!", fuhr Ypey ihn an.

 

Er ist müde, war meine Diagnose.

 

Dann soll er sagen, dass er müde ist, und nicht mit Steinen auf mich werfen.

 

Auf dich würde er nicht im Traum mit Steinen werfen, dachte ich amüsiert.

 

"Machen wir Picknick!", rief ich ihm zu und er ließ dankbar die Steine aus seinem Arm auf den Boden fallen.

 

Ich breitete die mitgebrachte Decke aus.

 

Da hörten wir Stimmen. Eine andere Familie war hinter den Büschen unterwegs. Feanor horchte sofort auf und pirschte sich in die Büsche, während ich den Rucksack auspackte.

 

Plötzliches Kinderheulen schreckte mich auf.

 

"Hey, was soll das?", rief eine Frau mit den Schutzinstinkten einer Mutter.

 

Ich sprang auf und lief um das Haselgebüsch zu ihr.

 

"Kann ich helfen?", bot ich mich an.

 

Ihr etwa vierjähriges Kind brüllte und hielt sich den Arm.

 

"Etwas hat ihn getroffen", sagte die Frau irritiert, nahm ihr Kind hoch und eilte den Weg zurück, auf dem sie gekommen war.

 

Mit finster verengten Augen drehte ich mich um.

 

Feanor saß lachend auf der Decke und mampfte Kekse.

 

"Feanor, spinnst du?", fuhr ich ihn an. "Du kannst doch nicht einfach Steine auf fremde Kinder werfen!"

 

Meine Stimme war erstickt. Ich war den Tränen nah. Wie, zur Hölle, konnte ich ihm endlich klar machen, dass er Rücksicht auf andere Menschen nehmen sollte?

 

"Ich kenne den schon", sagte Feanor ungerührt. "Vom Spielplatz."

 

"Das tut überhaupt nichts zur Sache!", brauste ich auf. "Du sollst auch keine Steine auf Kinder werfen, die du kennst. Und auch nicht auf Erwachsene", fügte ich vorsorglich hinzu. "Auf gar keine Menschen."

 

"Wozu ist Steinewerfen dann gut?", fragte er und mühte sich ab, mit dem Flaschenöffner eine Bionadenflasche zu öffnen.

 

"Was?! Wenn ich gewusst hätte, dass du auf Kinder werfen willst, wäre ich bestimmt nicht mit dir hier her gekommen!"

 

In aller Fairness, sagte Ypey, muss man die Tatsache anerkennen, dass dieser Wunsch gestern schon klar gewesen ist.

 

Halt die Klappe!

 

Ich seufzte. Ihr Einwand half sogar etwas.

 

Ich setzte mich zu ihm auf die Decke und legte meinen Arm um ihn.

 

"Ich weiß nicht, wie ich dir das klar machen soll, Feanor", begann ich mit weicher Stimme, weil er sowieso bockte, wann immer er einen Vorwurf hörte. "Mir ist es wirklich wichtig, dass du Mitgefühl für andere Menschen lernst. Und Respekt. Dass du versuchst, mit dem, was du tust, anderen Menschen möglichst wenig weh zu tun."

 

"Warum eigentlich?"

 

"Naja, weil das die Welt ist, in der ich leben will. Eine Welt, in der die Menschen Rücksicht aufeinander nehmen und in der es ihnen nicht egal ist, wie es anderen geht."

 

Unbehaglich nuckelte er an seiner Bionade.

 

Was, wenn es ihm egal ist?, fragte Ypey.

 

Tränen schossen mir in die Augen.

 

Genau davor habe ich Angst, gestand ich ihr.

 

Vielleicht solltest du ihm dann genau das sagen, meinte sie.

 

"Hör mal", fuhr ich noch sanfter fort. "Als du Richard zum Essen mit nach Hause gebracht hast, weil er zuhause nicht rein gekommen ist. Da hast du dich darum gekümmert, was mit ihm ist. Du hast ihm einfach geholfen. Hat sich das nicht toll angefühlt?"

 

Er nickte langsam. "Außerdem konnte ich ihm das ferngesteuerte Auto zeigen", murmelte er.

 

Ich schloss die Augen.

 

Du versuchst es schon wieder hinten rum, meinte Ypey.

 

Erinnere mich daran, dass ich versuche herauszufinden, ob Kinder in seinem Alter natürliches Mitgefühl haben oder ob das erst später kommt, ja?, bat ich Ypey, während ich an Apfelschnitzen knabberte.

 

"Feanor, ich möchte, dass du mir versprichst, dass du keine Steine auf Menschen wirfst. Sonst war das das erste und einzige Mal Wurftraining hier."

 

Er legte die Stirn kraus.

 

"Na gut, wenn du das unbedingt willst", maulte er.

 

"Wenn ich was unbedingt will?"

 

Genervt verzog er den Mund.

 

"Ich verspreche", sagte er überdeutlich, "dass ich keine Steine auf Menschen werfe."

 

"Danke."

 

Ypey übernahm mit einem Grinsen.

 

"Und jetzt klettern wir ein bisschen", tat sie begeistert kund. "Dabei kannst du dir nur selbst weh tun."

 

Als wir den Steinbruch verließen, war es schon Abendessenszeit und wir hatten noch den Rückweg vor uns. Etwa auf halbem Weg fiel mir etwas ein.

 

"Hast du überhaupt schon Hausaufgaben gemacht?"

Y_sea

15. Oktober - abends

"Hedwig Schulz", meldete ich mich fröhlich, als an diesem Abend das Telefon klingelte.

 

"Vanhouten", war die ernste Antwort.

 

Wo hatte ich das schon einmal gehört?

 

"Sie sind der Vater von Marie-Ann!", rief ich erfreut.

 

"Ja. Und Sie sagen gefälligst ihrem Satansbraten, dass er die Finger von meiner Tochter lassen soll."

 

Aha.

 

Ich sah Feanor an, der interessiert vom Küchentisch aus zuhörte, und zog die Augenbrauen hoch.

 

"Wie geht es Ihrer Tochter denn?", fragte ich vorsichtig. "Ist sie verletzt?"

 

"Ein paar Abschürfungen und ein 100-Euro-Pullover ruiniert. Sie können von Glück sagen, dass der Schulranzen nicht kaputt gegangen ist. Der sah aus, als habe er ihn in den Schlamm geschmissen."

 

Ypey verdrehte die Augen und ich spitzte den Mund, damit weder Feanor noch Vanhouten mitkriegten, wie lustig ich das fand.

 

"Das tut mir wirklich leid, Herr Vanhouten. Ich werde mit ihm reden." An dieser Stelle übernahm Ypey. "Um ehrlich zu sein", sagte sie in wesentlich weniger schuldbewusstem Tonfall, "ich habe schon mit ihm geredet und er hat gesagt, Marie-Ann habe ihn mehrfach provoziert." -- "Ich weiß, dass das keine Entschuldigung ist", warf ich schnell ein. "Ich meinte bloß, dass es vielleicht nicht schaden könnte, wenn wir einmal mit den beiden zusammen sprechen, um zu klären, was wirklich vorgefallen ist, oder was die beiden brauchen, um miteinander klar zu kommen."

 

Keine Antwort.

 

"Um Regeln abzumachen."

 

Immer noch nur Schnaufen am anderen Ende des Telefons.

 

"Vielleicht möchten Sie am Wochenende mit ihrer Tochter zum Kaffeetrinken vorbeikommen---?"

 

Er hatte aufgelegt.

 

"Puh", machte ich.

 

"Seine Tochter auch so zickig?", wollte Ypey von Feanor wissen.

 

Der kicherte, während ich Ypey zurecht wies, dass sie sich da raus halten solle.

 

"Weißt du, Feanor", sagte ich etwas traurig und setzte mich zu ihm an den Tisch. "Ich war so froh, als dein Hauen-Problem aufgehört hat. Ich war so froh, dass du angefangen hast, mit Worten zu sagen, was du willst. Wie ist das passiert, dass du dich plötzlich wieder geprügelt hast?"

 

Unzufrieden hockte er auf seinem Stuhl und schmollte.

 

"Ich will dir helfen, Feanor", machte ich sanft. "Ich will dir helfen, durchs Leben zu kommen. Du kriegst nur Schwierigkeiten, wenn du nicht aufhörst zu prügeln."

 

"Sie hat mit Steinen nach mir geworfen!"

 

Ich schob unsere leeren Teller zur Seite, so dass ich mich über den Tisch zu ihm lehnen konnte. Das hatte er heute Nachmittag schon gesagt und ich hatte es einfach stehen gelassen, es nicht so ernst genommen. Solange er sich mit gleich starken Kindern anlegte, war es mir eigentlich egal. Nicht wirklich egal, aber ich konnte es akzeptieren.

 

"Hättest du ihr aus dem Weg gehen können?", fragte ich jetzt nach.

 

"Sie ist hinter mir her gerannt!"

 

"Warum war sie denn so sauer?"

 

"Keine Ahnung ... vielleicht, weil ich gesagt habe, Mädchen könnten nicht werfen."

 

Ich hielt mir schnell die Hand vor den Mund, hatte aber den Verdacht, dass Feanor das Glucksen als Kichern erkannt hatte. Ypey!

 

"Und warum sagst du, Mädchen könnten nicht werfen?"

 

"Na, weil sie mich nicht getroffen hat."

 

Er wollte von seinem Stuhl runter gleiten, aber ich hielt ihn am Arm fest.

 

"Was war dann so schlimm daran, dass sie nach dir wirft?"

 

"Na, zuerst hat sie nicht getroffen, dann schon", gab er kleinlaut zu. "Sie kann ganz schön gut zielen. Für ein Mädchen."

 

"Hey!", machten Ypey und ich empört.

 

"Was soll ich denn machen, wenn sie mich so provoziert?", fragte Feanor plötzlich und schüttelte ärgerlich meine Hand ab.

 

"Zuhauen", sagte Ypey und "Nimm es einfach nicht so ernst, geh' ihr aus dem Weg", sagte ich.

 

Feanor schaute mich verwirrt an.

 

"Ich glaube, sie wollte sich mit mir prügeln", sagte er trotzig. "Und sie hat zuerst meinen Ranzen in den Graben geschmissen, bevor ich sie da hinterher geschubst habe."

 

"Sei ein bisschen vorsichtig, ja?", sagte ich und "Und jetzt zeige ich dir, wie gut "Mädchen" werfen können", sagte Ypey.

 

Hey, ich bin die totale Niete im Werfen, warnte ich sie, aber Ypey schnaubte nur überheblich.

 

Sie nahm Feanor an der Hand und zog ihn in den Garten, machte an der Verandatür nur kurz halt, um die Gartenschuhe anzuziehen.

 

Sie schlenderte über den Rasen und baute fast zwanzig Meter von der Terrasse entfernt drei leere Plastikblumentöpfe in unterschiedlichen Größen auf dem Zaun auf. Auf dem Rückweg hob sie im Gehen Steine auf.

 

"Hier", sagte sie zu Feanor. "Versuche einen zu treffen."

 

Feanor warf.

 

Immerhin traf er den Zaun.

 

"Der kleine", sagte Ypey, warf und der kleine schwarze Plastiknapf wurde drei Meter in den Garten unserer Nachbarin geschleudert.

 

"Wow!", sagte Feanor und ich wünschte, es wäre ich gewesen, die er so bewunderte.

 

Trotzdem fragte ich mich gleich, was Frau Borgwedel wohl denken würde, wenn sie den Topf morgen beim Rasenmähen schredderte.

 

Ypey nickte Feanor zu und er machte seinen zweiten Versuch. Er traf unterhalb des großen Blumentopfes, der wackelte, aber dann doch stehen blieb.

 

Ypey pflückte den mittelgroßen vom Zaun. Deutlich war das Brechen des dünnen Plastiks zu hören, bevor auch dieser Topf über Frau Borgwedels Rasen hopste.

 

Dann stellte Ypey sich hinter Feanor. Sie nahm Feanors linken Arm, den mit dem er nicht warf, und deutete auf den noch verbliebenen großen Plastikblumentopf.

 

"Konzentriere dich", flüsterte sie. "Zeig genau darauf. Das ist dein Ziel. Verbinde dich mit dem Ziel. Die kürzeste Verbindung ist ein Gerade zwischen deiner Hand und dem Ziel. Hol aus. Und wirf."

 

Der Stein traf.

 

Feanor und Ypey tanzten jubelnd auf der Terrasse.

 

Ich schaute zu.

Y_sea

15. Oktober - vormittags

Na gut, dachte Ypey am nächsten Morgen als Robin wieder zur Arbeit und Feanor in die Schule gegangen waren. Wenn das Abenteuer nicht zu uns kommt, dann müssen wir das Abenteuer suchen.

 

Aha. Und wie?

 

Ypey wanderte mit meinem Körper durch die Wohnung. Drehte Kreise im Wohnzimmer wie in einem Käfig.

 

Ich wartete ab. Gespannt. Etwas ängstlich. Was hatte sie vor?

 

Schließlich setzte sie sich an den Küchentisch und schlug die Zeitung auf.

 

Du suchst das Abenteuer in der Zeitung?, witzelte ich.

 

Ja, antwortete sie knapp und begann zu lesen.

 

Es war eine linke Wochenzeitschrift, die ich abonniert hatte. Sie war pamphletisch, tendenziös, radikal, sich selbst oft nicht einig. Ich liebte sie. Es gab mir trotz meines, seit Feanors Geburt so bürgerlich gewordenen Lebens das Gefühl, etwas gegen die Gesellschaft zu haben. Nichts Wirksames, aber immerhin.

 

Ypey las über italienische Studentinnen und Studenten, die sich gegen das finanzielle Ausbluten des freien Bildungssystems zur Wehr setzten, über die sympathischen Aktionen der "Robin Hoods der Supermärkte" in Griechenland, über den Ausnahmezustand des Kapitalismus, über Produktionsbedingungen bei der Herstellung von Sportbekleidung, über militante Neonazis in Spanien, über Angriffe auf Migrantinnen und Migranten in Deutschland.

 

Ich merkte, wie sie unruhig wurde.

 

Ypey las weiter. Diskriminierung von Roma in Europa. Rassistische Morde in den USA. Folgen der Finanzkrise. Hungerlöhne in Sao Paulo. Staatliche Überwachung in Frankreich.

 

Ich machte uns zwischendurch einen Kaffee und Ypey zog die alten Ausgaben hervor, die im Umzugsstress untergegangen waren und durchkämmte auch diese.

 

Riesige Genmaisfelder in direkter Nachbarschaft von verhungernden Kindern in Brasilien. Einbürgerungstests. Wasserverbrauchsstatistiken verschiedener Produkte -- ich starrte schuldbewusst in meinen Kaffee, der offenbar einen Wasser-Fußabdruck von 140 Litern hatte.

 

Ypey las ungerührt weiter über verzweifelte, perspektivlose Jugendliche.

 

Gegen Mittag ließ sie erschöpft ihre -- meine -- Hände sinken und starrte vor sich hin.

 

Hast du nicht gefunden, was du gesucht hast?, fragte ich sanft.

 

Sie schüttelte nur den Kopf.

 

Nein, aber ich habe ein vage Idee---

 

In dem Moment stürmte Feanor herein.

 

Er hatte Abschürfungen im Gesicht und sein T-Shirt war aufgerissen. Der Schulranzen hatte eine schräge Schlammecke, die mich an schokoladenglasiertes Gebäck erinnerte.

 

Ich sprang auf.

 

"Was ist passiert?", fragte ich ihn ängstlich.

 

"Ich habe mich geprügelt", spuckte er wütend aus. "Glaub' mir, die Zicke sieht nicht besser aus, als ich."

 

Ypey begann ein Grinsen, das ich nur mühsam unterdrückte.

Y_sea

13. und 14. Oktober

Ich bin jetzt gute sechs Wochen hier, dachte Ypey, als wir den ersten Tag meiner phantastischen Freiheit genossen.

 

Ich genoss auf dem Sofa.

 

Ypey war es offenbar zu langweilig.

 

Sechs Wochen und es ist noch nichts passiert. Erlebst du keine Abenteuer?

 

Also stand ich auf, schlenderte zu meinem Bücherregal und zog den ersten Harry Potter heraus.

 

Hier, dachte ich einladend und sie schlug ihn auf.

 

Ihre Augen flogen über die Zeilen und sie war nach der ersten halben Seite genauso verzaubert, wie ich gewesen war, als ich ihn zum ersten Mal gelesen hatte. Sie verschlang ihn. Auf Englisch.

 

---

 

Schön, dachte sie 24 Stunden später, in denen ich das Lesen nur unterbrochen hatte, um Feanor Mittag- und Abendessen hinzustellen, sehr schön. Aber!

 

Aber?

 

Aber ich nehme doch mal an, es ist nur eine Geschichte.

 

Das nehme ich auch an, schmunzelte ich.

 

Nur eine Geschichte, wiederholte sie. Zeitvertreib. Einem echt selbst erlebten Abenteuer kommt es nicht gleich.

 

Ich habe auch noch die anderen sechs Bände.

 

Sie zögerte. Es war verlockend. Aber dann standen wir entschlossen auf.

 

Lass uns durch die Stadt ziehen, dachte sie heftig. Immer, wenn ich losziehe, passiert mir irgendetwas Spannendes. Lass uns sehen, ob es hier auch so ist.

 

Wir gingen los.

 

Es zog mich zur U-Bahn. Ich löste ein Tagesticket und zahlte mit einem 5-Euro-Schein.

 

Das Geld und die EC-Karte hatten Ypey ja von Anfang an fasziniert, aber als wir in der U-Bahn saßen, war ich doch etwas schockiert, als sie einen weiteren Schein aus meinem Portemonnaie zog und diesen prüfend gegen das Licht des Fensters hielt, hinter dem große Häuser vorbei rauschten. Sie kniff die Augen zusammen, betrachtete die sich zusammensetzende Fünf, die vielen feinen Linien, den Metallstreifen. Sie drehte den Schein und ich spürte, das Jucken in ihren -- meinen -- Fingern, zu versuchen, ihn zu fälschen.

 

Nachdem ich mit etwas Mühe die Augen wieder übernommen hatte, um mich damit beschämt umzusehen, bekam ich schließlich auch die Hände wieder unter Kontrolle und steckte das Geld weg.

 

Bevor ich sie aber zurecht weisen konnte, dachte sie ungerührt: Abenteuer Nr. 1: Heute Nacht schrauben wir einen Ticketautomaten auf und sehen uns an, wie er diese Scheine als das erkennt, was sie sind.

 

Kommt nicht in Frage, dachte ich zurück. Das ist illegal!

 

Sie lachte. Laut.

 

Die Leute guckten.

 

Sie zog den Stadtplan aus meinem Rucksack.

 

Den darf ich angucken, ja?, tat sie scheinheilig.

 

Sie blätterte durch die Seiten, fuhr mit dem Finger U-Bahn-Linien nach, legte den Kopf schief, wenn sie Straßennamen las und summte vor sich hin.

 

Plötzlich stutzte sie.

 

Diagonalstraße, dachte sie. Cool.

 

Ich wusste sofort, was sie meinte.

 

Ja, aber guck mal, das sieht nach Industriegebiet aus. Da ist bestimmt nichts los.

 

Lass' mal nachgucken.

 

Also stiegen wir an der entsprechenden Haltestelle aus und wanderten durch die Diagonalstraße. Trostlos.

 

Wow, hier ist ja echt nix los, kommentierte Ypey nach einem halben Kilometer, auf dem schwere Laster und lange Schlangen fast leerer PKW an uns vorbei gebraust waren, den wir auf gleichförmigen Waschbetonplatten gegangen waren, und auf dem die Vielzahl stumpf guckender Fenster nur gelegentlich unterbrochen worden war, durch einen Spielplatz hier, eine Tankstelle da.

 

Ich weiß nicht, was wir erwartet hatten. Das war es nicht.

 

Vielleicht liegt es daran, dass "Diagonalstraße" so unendlich viel weniger lustig ist als "Diagon Alley", meinte ich, als wir auf einer Brücke anhielten. Selbst die Brücke und der Kanal, über den sie führte, waren so unscheinbar und belanglos, dass sie kaum erwähnenswert waren.

 

Vielleicht, erwiderte Ypey mit mehr Leben, kannst du auch nur nicht unter die Oberfläche diese Klinkerfassaden sehen. Hörst du nicht das Pochen? Da, hinter dem rot-orange-gestreiften Vorhang werden Schwerter in Einhornblut gehärtet.

 

Und auf dem Spielplatz, sprang ich darauf an, geht nachts eine dunkel gewandete Gestalt um, nimmt eine Handvoll Sand, um daran zu riechen und sie durch seine Finger gleiten zu lassen. Auf der Suche nach einem kleinen Hauch Freude, in unerreichbar fernen Erinnerungen.

 

Eine Meerjungfrau ist unter dieser Brücke in dem Kanal gefangen und erstickt langsam an dem giftigen Wasser.

 

Und der kleine Junge, der sie gesehen hat, will seinen alleinerziehenden Vater davon überzeugen, dass er sie rettet. Aber der glaubt ihm nicht.

 

Wir fanden weitere Anfänge von Szenen, bis ich das Gefühl nicht mehr los wurde, dass sich tatsächlich hinter jeder Wand und jedem Gebüsch eine packende Geschichte verbarg. Musste ja gar nicht Fantasy sein.

 

Dreimal liefen wir die Straße auf und ab.

 

Aber es waren nur Geschichten.

 

Nichts passierte.

 

Kein Abenteuer fand uns und so kehrten wir nach Hause zurück, um für Feanor Mittagessen bereit zu haben, wenn er von der Schule kam.

Y_sea

06. Oktober - abends

"Du hast was?", fragte Robin entsetzt.

 

Feanor war längst im Bett und ich hatte Robin und mir ein Glas Rotwein eingeschenkt.

 

"Ich habe Elternzeit eingereicht", wiederholte ich vergleichsweise ruhig. Ich hasste es, wenn er meine Entscheidungen in Frage stellte, und sei es nur dadurch, dass er nachfragte.

 

"Hattest du mir das schon gesagt?" War er unsicher? Ich hielt es auf jeden Fall für eine Anklage. Recht hatte er. So etwas bespricht man vorher. Hörst du, Ypey! So etwas bespricht man vorher.

 

Sie grinste. Du hättest dich nie darauf eingelassen, war ihre Antwort.

 

Ich hatte sie daran hindern wollen, aber Ypey hatte das unterschriebene Formular direkt bei der Sachbearbeiterin abgegeben, während ich schreiend und jammernd im Hintergrund meines Kopfes zugesehen hatte.

 

Aber ich wollte die Elternzeit auch.

 

Ich nahm den Stiel des Weinglases zwischen spitze Finger und drehte es abwesend, ohne zu trinken. Meine Augen folgten den Wellen, die die rubinrote Flüssigkeit in ihrem Goldfischglas schlug.

 

"Mir wird gerade einfach alles zu viel. Und du weißt doch, dass das geht, wenn das Kind in die Schule kommt, wenn man die drei Jahre noch nicht ausgeschöpft hat."

 

Er sah mich lange an. Ich schaute ihm kurz in die Augen, aber vermochte es nicht, seinem Blick länger als ein paar Sekunden standzuhalten.

 

Schnell trank ich einen Schluck, um etwas anderes zu tun zu haben und dem Schlucken einen Sinn zu geben.

 

"Naja, wenn dir alles zu viel wird, dann ist es vielleicht ganz gut, wenn du ein paar Woche kürzer trittst", meinte er.

 

"Ich habe gleich das ganze Jahr genommen."

 

"Muss ich da nicht zustimmen?", fragte er verwirrt. "Also ich meine, ich muss doch bestimmt etwas unterschreiben. Hätte ja auch sein können, dass ich die Elternzeit nehmen will."

 

"Äh ja." Fieberhaft suchte ich nach einer Erklärung oder einer Ausrede. Ihm zu sagen, dass ich seine Unterschrift gefälscht hatte, ging nicht. So ein großer Vertrauensbruch. Aber Ypey war im Ausreden erfinden so geübt, dass ich nicht lange suchen musste.

 

"Ich habe den Antrag in der Uni vergessen", sagte ich. "Du kannst ihn morgen Abend unterschreiben. Ich habe aber mit Wilhelm schon alles besprochen."

 

"Na, der wird nicht glücklich gewesen sein. Euer Projekt läuft doch Ende nächsten Jahres aus. Da muss er dich ein halbes Jahr mit anderem Geld finanzieren."

 

"Ich habe erklärt, dass ich darauf verzichte", sagte ich und wusste, dass er sich darüber aufregen würde.

 

"Aber das steht dir zu!", sagte er ärgerlich, ließ seine Hand auf den Tisch fallen, wo der Wein wieder in Schwingungen versetzt wurde, auf die ich meine dankbaren Augen richten konnte, damit ich ihn nicht ansehen musste. "Du hast dir also wieder was aufschwatzen lassen."

 

Ich seufzte. Ich hatte darauf verzichtet, weil ich Angst gehabt hatte, dass sie es mir verbieten würde, aber unter diesem Vorwand verbarg sich noch ein ganz anderer Grund.

 

Ich habe überhaupt keine Lust mehr auf diesen Scheißjob, dachte ich heftig.

 

Genau!, pflichtete Ypey mir bei und ballte ihre erhobene Faust. Sag ihm das!

 

"Ich will die Zeit auch nutzen, darüber nachzudenken, was ich vielleicht anderes machen kann. Die Arbeit in der Uni war in der letzten Zeit -- eigentlich immer schon -- so unbefriedigend. Ich kann das eigentlich gar nicht, was da von mir verlangt wird, ich habe zu wenig Zeit und dann wird auch noch erwartet, dass ich alles, was ich mache so darstelle, als wäre es der Stein der Weisen." Ich lächelte versonnen. Ich freute mich immer, wenn ich Fantasy in mein Leben integrieren konnte.

 

"Du bist phantastisch in dem, was du tust", protestierte er.

 

Ich zuckte nur die Schultern und sah zur Seite.

 

"Hey, Hedwig", sagte Robin plötzlich ganz sanft, "ich habe gar nicht mitbekommen, dass du so unzufrieden bist. Seit wann ist das denn schon?"

 

Ich zuckte die Schultern und schloss die Augen, die sich mit Tränen gefüllt hatten. Aber ich fand keine Antwort auf seine Frage. Seit wann war es schon so?

 

Er zog seinen Stuhl nah an meinen und legte mir den Arm um die Schultern, zog mich an sich und strich mir über die Haare.

Y_sea

06. Oktober

Montags morgens war es immer am schwierigsten. Ich brauchte Stunden, bis ich mich soweit in meine hundert Klassen vertieft hatte, dass mir wieder klar war, wo was passierte, und ich weiter an dem Punkt arbeiten konnte, an dem ich Freitag aufgehört hatte.

 

Endlich hatte ich das Tool zur Auswertung der Daten fertig gestellt. Es lieferte mir die Zahlenreihen jetzt als farbige Kurven aufbereitet, so dass ich auf den ersten Blick die qualitativen Unterschiede zwischen den Modellläufen erkennen konnte. Zumindest war das der Plan. Ich ließ das Modell laufen.

 

Cool, lauter roter Text. Soll das?, fragte Ypey.

 

Scheiße.

 

Gleich im ersten Schritt war die Exception gekommen. Natürlich sollte es das nicht und Ypey wusste das auch.

 

Warum tust du dir das an?, fragte sie.

 

Das habe ich dir schon gesagt, erwiderte ich grantig.

 

Dann habe ich es offensichtlich nicht verstanden, gab sie unbekümmert zu.

 

Willst du übernehmen und den Fehler beheben?, giftete ich sie an.

 

Lass mal.

 

Ich öffnete das Modul, das die Daten verwaltete.

 

Aber, fuhr Ypey nachdenklich fort. Ich habe schon gedacht, dass es mich auch mal interessieren würde, etwas Magie zu lernen.

 

Ich verdrehte die Augen und ignorierte sie. Da war der Fehler auch schon. Ich hatte vergessen zu testen, ob schon Daten eines vorhergehenden Schrittes existierten, was im ersten Modellschritt natürlich nicht der Fall war.

 

Das Modell brauchte ein, zwei Minuten um durchzulaufen und malte in dieser Zeit die bunten Linien langsam länger.

 

Zeit genug auf Ypeys Frage zu antworten.

 

Ich brauche Geld, um mir Dinge kaufen zu können. Essen, Miete, Klamotten, Spielzeug für Feanor. Das Geld kriege ich nicht geschenkt. Dafür habe ich einen Job. Ich programmiere für ein internationales wissenschaftliches Projekt. Außerdem will ich unabhängig sein.

 

Unabhängig? Wie bist du unabhängig, wenn du die Drecksarbeit für ein internationales Projekt machst.

 

Das ist nicht die Drecksarbeit, protestierte ich. Es ist eine gut bezahlte, anspruchsvolle, erfüllende Tätigkeit.

 

Warum klingst du dann so trotzig?, hakte sie nach.

 

Es macht halt gerade keinen Spaß.

 

Aber normalerweise tut es das?

 

Unterschiedlich. Mal mehr, mal weniger.

 

Ich änderte die Modellparameter und ließ es wieder laufen.

 

Wann hat es das letzte Mal Spaß gemacht? Ypey ließ nicht locker.

 

Ich seufzte.

 

Mein Kollege Florian sah auf und bedachte mich mit einem prüfenden Blick. Ich räusperte mich und machte eine vage Handbewegung in Richtung meines Bildschirms, auf dem der langsame Fortschritt des Modells wiederum, diesmal andere, bunte Linien zeichnete.

 

Wei"s nicht. Letztes Jahr auf dieser einen Konferenz waren ganz nette Leute.

 

Ypey lachte. Gehässig war es diesmal.

 

Gut, gut. Du hast also vor einem Jahr mal ganz nette Leute kennengelernt. Toller "Job"!, lästerte sie.

 

Ich lehnte mich zurück und starrte auf den Bildschirm. Der Modelllauf war längst fertig. Aber ich rührte die Maus nicht an. Der erwartete Abfall in der Kurve, die den Ertrag zeigte, war bei diesem Parametersatz deutlich zu erkennen, aber darüber dachte ich nicht nach.

 

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte mich das Ergebnis eines Modelllaufes mit einer gewissen Genugtuung erfüllt. Der Experimentiergeist eines Kindes traf sich mit der Befriedigung, etwas durchschaut zu haben. Ausprobieren, erkennen, durchschauen, abstrahieren, verstehen. Erklären. Es hatte mich begeistert, einer Frage auf den Grund zu gehen. Irgendeiner Frage. Jeder Frage. Es hatte mich begeistert, objektorientierten Code zu entwickeln, zu gestalten. Wann hatte das aufgehört?

 

Du hast recht, gab ich zu. Es wäre wundervoll, mal eine Zeitlang aufzuhören.

 

Und woher bekommen wir dann das Geld?, fragte Ypey, als ob sie nicht damit angefangen hätte.

 

Mit seinem neuen Job verdient Robin ja mehr, meinte ich. Eigentlich reicht es, was er verdient.

 

Worauf wartest du dann?, machte Ypey völlig entgeistert.

 

Das ist keine so leichte Entscheidung, dachte ich verstört. Das will gut überlegt werden. Ich kann auch nicht so einfach kündigen. Und wenn ich nach ein paar Wochen feststelle, dass ich in den Job zurück will, geht das auch nicht so leicht. Und außerdem macht es sich nicht gut, eine Lücke im Lebenslauf zu haben. Und niemand hier kann das übernehmen, was ich mache. Das kann niemand anderes.

 

Ich stützte meine Ellenbogen auf und legte meinen Kopf in die Hände. Kurz war eine Flamme in mir aufgelodert, der Wunsch nach Freiheit versengte mein Inneres. Aber die Eisenstäbe des Käfigs waren schwarz und real. So ging das nicht. Ich musste arbeiten. Außerdem wollte ich doch keine Hausfrau sein.

 

Kannst du nicht auch ein Jahr Elternzeit machen?, fragte Ypey. Du hast doch auch ein Kind.

 

Ja, aber das geht doch nur direkt nach der Geburt \dots

 

Und im ersten Schuljahr.

 

Das habe ich gehört, kommentierte Ypey fröhlich.

 

Ich könnte Elternzeit nehmen. Mir wurde ganz kalt.

 

Als die anderen zur Mittagspause gingen, konfrontierte ich meinen Chef.

 

"Wilhelm, ich möchte Elternzeit nehmen", fing ich ohne Umschweife an.

 

"Was?", sagte er entsetzt.

 

"Feanor ist in die Schule gekommen und ich merke, wie sehr das unseren Alltag durcheinander bringt. Wir sind gerade erst umgezogen und er braucht mich jetzt mehr als die letzten Jahre."

 

"Na gut, Hedwig. Ich will dir da nicht im Wege stehen. Kann Julia dein Modell übernehmen?"

 

Ich war unglaublich erleichtert und fühlte mein Herz plötzlich wieder schlagen. Er schien es nicht so schwer zu nehmen, wie ich angenommen hatte. Ich atmete spürbar auf und merkte erst, wie sehr ich seit dem Vormittag darum gezittert hatte, ob dieser Plan sich tatsächlich in die Tat umsetzen ließe.

 

"Ich werde sie noch einarbeiten", sagte ich mit pochendem Herzen. Eigentlich wollte ich nicht, dass Wilhelm sah, wie wichtig es mir war, von hier weg zu kommen. "Ich nehme mir ab dem nächsten Monat Elternzeit und ab nächster Woche noch meinen Urlaub."

 

Ein bisschen war ich selbst überrascht davon, dass der Plan fertig in meinem Kopf war.

 

"Danke, Wilhelm."

 

"Hedwig?", rief er mich noch einmal zurück.

 

"Ja?" Was jetzt? Panik machte sich breit, aber Ypey beherrschte das Feuer, das meine Finger auf der Türklinke vibrieren ließ.

 

"Hedwig, das Projekt läuft Ende nächsten Jahres aus. Ich kann dir nicht zusagen, dass ich dich darüber hinaus weiter beschäftigen kann, obwohl du einen Anspruch darauf hast."

 

"Ich weiß", sagte ich schnell.

 

Große Brocken fielen aus dem Plan, den ich jetzt irgendwie wieder kitten musste.

 

Wir hatten dieses Thema etliche Male durchgekaut, wann immer eine Kollegin ein Kind bekam und in Elternzeit ging, einmal auch bei einem Kollegen. Es passte einfach nicht mit der Art zusammen, wie an den Unis in Vierjahresprojekten gedacht wurde. Eigentlich sollte die Uni Geld für genau diese Fälle vorhalten, aber die chronisch unterfinanzierten Einrichtungen versuchten sich darum herum zu drücken, wo immer es ging.

 

"Ich verzichte auf diesen Anspruch", sagte ich also, um zu verhindern, dass er mir untersagte, Elternzeit zu nehmen. Im ersten Schuljahr ging es nur mit seinem Einverständnis.

 

Ohne Mittagessen besorgte ich mir das entsprechende Formular aus der Verwaltung. Es war ein ganz kurzes, nur zwei Seiten.

 

Beim Ausfüllen schaute Ypey entgeistert zu.

 

Warum reicht es nicht, dich von deinem Chef abzumelden?

 

Ich merkte förmlich, wie die vielen geraden Linien, Felder mit Markierungen für Druckbuchstaben, kleingedruckte Anweisungen und mehrere Seiten Erklärungen sie fast einschüchterten. Fast. Sie ließ es schlicht nicht zu. Ypey hatte vor nichts Angst. Es hatte einen Effekt auf sie, aber der war abgestoßen trotzig und nicht etwa ängstlich folgsam.

 

So wie ich. Ich hatte immer eine panische Angst, etwas falsch zu machen, wenn ich so ein Formular vor mir hatte. Ich hielt mich nicht für dumm. Aber diese Sprache hatte ich einfach nie gelernt. Und die Vokabeln vergaß ich immer sofort wieder. "Anrechnungszeiten", "RV-Nr", ich nahm an, das war die Rentenversicherungsnummer. Wo sollte ich die denn finden? "Beziehen Sie Kindergeld?" Ja. Ach, ne. Das kriegt ja Robin. Also nein? Aber das ist doch auch falsch \dots

 

Ich bin ja nicht bei ihm angestellt, sondern bei der Uni, erklärte ich. Das muss alles seine Richtigkeit haben, der Kranken- und Rentenversicherung gemeldet werden.

 

Machen die die Hürde extra so hoch, damit nicht so viele Menschen Elternzeit nehmen?, fragte Ypey.

 

Ich grunzte.

 

Ehrlich gesagt glaube ich das nicht. Es ist halt so kompliziert geworden. Das Leben.

 

Pff, macht Ypey. Das Leben ist nicht kompliziert. Das da ist nicht "das Leben".

 

Irgendwie gab ich ihr recht.

 

Dann kniff ich die Augen zusammen, denn ich war an einen Punkt in dem Formular gekommen, der mich wieder völlig aus der Bahn warf.

 

"Unterschrift des Ehepartners"

 

Vier Stunden waren vergangen, seit Ypey mich auf die Idee gebracht hatte, Elternzeit zu nehmen.

 

Keinen einzigen Gedanken hatte ich bisher dafür übrig gehabt, was Robin davon halten würde.

 

Ich muss es mit ihm besprechen, dachte ich matt und mein Hals wurde eng bei dem Gedanken daran, ihm erklären zu müssen, warum ich das wollte. Ich kann den Antrag erst einreichen, wenn ich mit ihm darüber gesprochen habe.

 

Papperlapapp!, sagte Ypey, plötzlich extrem fröhlich.

 

Sie griff nach meiner Hand, mit meiner Hand nach dem Kugelschreiber und schmierte vor meinen fassungslosen Augen Robins Unterschrift auf das Formular. Es sah unglaublich echt aus. Wenn ich nicht meiner Hand beim Schreiben zugesehen hätte, hätte ich es für seine Unterschrift gehalten. Natürlich war ich kein Profi in solchen Sachen.

 

Aber ich, grinste Ypey.

 

Der Kugelschreiber fiel mir aus der Hand und machte einen dünnen blauen Strich an den Rand des rosa-weißen Formularblattes.

Y_sea

01. Oktober

The earth moves under our feet.

 

Schweiß rann mir über die Schläfen und den Nacken hinunter. Ich blinzelte meine tränenden Augen frei. Die kalte Oktoberluft biss in ihnen. Mein Atem dagegen brannte. Die Füße setzten sich nur wegen des starren Rhythmus voreinander. Die schweren Beine strebten der Erde entgegen. Der iPod nano in meiner Hand war feucht und glitschig.

 

Das alles hatte ich erst gemerkt, als mich diese Textzeile aus meinem Stumpfsinn riss. Den Stumpfsinn suchte ich im Laufen. Ich betete ihn an. Es war dieser endorphingesteuerte Rausch, der in der gleichförmigen Bewegung an den Grenzen meiner Kraft meinen Geist frei setzte.

 

Mein Blick fiel auf den Weg aus fester Erde mit wenigen walnussgroßen Steinen darin. Die Erde war rotbraun, die Steine graubraun. Am Wegesrand wuchsen Gräser und Kräuter und Büsche und Bäume. Sie tobten im Sturm, heruntergefallene Erlenblätter flatterten vor mir her. Für mich waren es die Blätter der Weltenesche. Unter meinen Füßen bewegte sich die Erde. Schöner Song zum Joggen.

 

Die letzten zwanzig Minuten hatte mich der Text eines anderen Stücks von Amon Amarth durch den Rausch getragen. Die Stücke dazwischen waren meiner Wahrnehmung entglitten, als ich zusammen mit anderen Riesen in einem tausendjährigen Kampf die Mauern von Asgaard verteidigte. In den letzten Wochen hatte ich jedes Mal diese Platte beim Joggen gehört und war immer durch Guardians of Asgaard in die Benommenheit geführt worden, die ich so ersehnte.

 

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn, als ich vor unserer Haustür zu einem zögerlichen Halt kam, der wie immer mit einem vagen Gefühl von Verlust einherging.

 

"Ach, du gehst auch joggen?", fragte Linda mit ihrer freundlichen Stimme. Sie war gerade gegenüber aus ihrem Haus gekommen. Wahrscheinlich war sie erleichtert, dass sie endlich etwas gefunden hatte, worin wir uns glichen. Etwas, das sie verstand. "Vielleicht können wir mal zusammen laufen."

 

Langsam drehte ich mich um.

 

Erwartungsvoll sah sie mich an.

 

In mir tobte der Widerstand.

 

"Äh, ja vielleicht", antwortete ich. "Ich gehe oft ganz spontan. Und ich laufe ganz langsam. Ich will dich nicht bremsen."

 

"Ach, das ist kein Problem. Ich kann mich deinem Tempo anpassen. Sag doch Bescheid, wenn du das nächste Mal spontan laufen willst. Wenn ich dann Zeit habe, komme ich einfach mit."

 

"Ja, gut", gab ich niedergeschlagen zu, dass sie gewonnen hatte, weil ich mich in Unehrlichkeiten verstrickt hatte.

 

Feigling, zischte Ypey in meinem Kopf.

 

Was hätte ich denn machen sollen?, gab ich unglücklich zurück.

 

Willst du denn mit ihr joggen?

 

Nein, natürlich nicht.

 

Vor meinem inneren Auge sah ich mich schon aus dem Fenster spähen um den richtigen Zeitpunkt abzupassen, zu dem Linda gerade einkaufen war. Verabscheuungswürdig.

 

Und warum nicht?, hakte Ypey nach, als ob sie es nicht genau wüsste.

 

Ich wurde zornig. Falsche Freundlichkeit brachte stets die Wut mit sich.

 

Mein täglicher Verteidigungskampf um die Mauern von Asgaard ist mir nun mal heilig!, brauste ich innerlich auf.

 

Dann sag ihr das.

 

Ich konnte gerade noch verhindern, meine Arme tatsächlich voll Frust in die Höhe zu werfen.

 

Du weißt genau, dass sie das nicht verstehen würde!

 

"Linda, entschuldige", sagte Ypey. Sie sagte es laut und deutlich. Mit meinem Mund und meinen Stimmbändern und meinem Atem und ihrer eigenen lässigen Ruhe. Ich dagegen erschrak fast zu Tode. "Ehrlich gesagt, laufe ich lieber alleine. Ich kann nie so intensiv Musik hören, wir beim Joggen. Das ist mir sehr wichtig, diese Zeit allein, das Meditative beim Joggen. Es ist nichts gegen dich, wirklich. Verstehst du das?"

 

"Ja, natürlich verstehe ich das", sagte Linda mit einem bedauernden Lächeln und Verständnislosigkeit hinter den Augen. Ob sie mich bedauerte, weil ich so unsozial war? "Schön, dass du das noch gesagt hast. Bis später."

 

Sie ging zu ihrem Fahrrad.

 

Piece of cake, dachte Ypey zufrieden. Warum kannst du das nicht?

 

Bist du verrückt?!, schrie ich sie an. Du kannst doch nicht einfach die Kontrolle übernehmen. Ich spiele dich. Nicht umgekehrt.

 

Sicher?, lachte Ypey. Vielleicht sitze ich gerade mit meiner Rollenspielgruppe am Tisch und spiele dich.

 

Sie lachte schallend. Es füllte meinen Kopf aus und mein Herz mit einer plötzlichen Angst vor ihr. Ich kannte sie. Sie war skrupellos und schaffte, was immer sie sich in den Kopf setzte.

 

Mit zitternden Fingern verfehlte ich mit dem Sicherheitsschlüssel das Schlüsselloch und kratzte über das orange lackierte Holz der Tür.

 

Lass mich mal, bestimmte Ypey und ein inneres Handgemenge um die Kontrolle über meine Finger resultierte darin, dass der Schlüssel mit einem kurzen Klirren auf den Boden fiel, noch einmal hochsprang und dann direkt an der Kante des Gitterrosts über dem Abtritt liegen blieb. Atemlos hatten wir beide dem Weg des Schlüssels zugesehen. Ypey erholte sich natürlich schneller als ich.

 

Tolpatsch, schalt sie.

 

Aber sie versuchte nicht noch einmal, die Kontrolle über meine Hände zu bekommen.

 

Ich nahm den Schlüssel, schloss im zweiten Versuch auf und ging schnell hinein. Tief erschüttert lehnte ich mich an die Innenseite der geschlossenen Tür und wartete, bis meine Bauchdecke aufgehört hatte zu zittern.

Y_sea

30. September

"... und ich habe ein kleines Geschäft für Perlen, Tücher und andere Dekorationssachen. Das war lange mein Traum gewesen."

 

Die Schlange kroch bedrohlich auf mich zu. Wir saßen auf zu kleinen Stühlen im herbstlich geschmückten Klassenzimmer meines Sohnes. Ich hasste diesen Druck. Wie sollte ich etwas Authentisches über mich sagen - in zwei Sätzen?

 

"Hallo", sagte Linda fröhlich in die Runde. "Ich bin Linda Berger, die Mutter von Richard. Momentan bin ich mit meinem zweiten Kind zuhause. Kirsten ist acht Monate. Bei Richard hatte mein Mann Elternzeit genommen, jetzt bin ich mal dran."

 

Oje, und gleich bin ich dran.

 

Du hast nicht zugehört, meine Ypey. Das war---

 

Sei still!

 

Aber Linda war noch nicht fertig.

 

"Und ich möchte noch sagen, wie froh ich bin, dass Richard sich hier so wohl fühlt. Vielen Dank für die herzliche Atmosphäre, Frau Weigelt."

 

Während zustimmende Laute aus der Runde zu hören waren, lächelte Linda mich auffordernd an.

 

"Äh", begann ich lahm. "Also ich bin Hedwig Schulz, die Mutter von Feanor." Eigentlich reichte das, fand ich. Eine Kleinigkeit, wenigstens! "Ich arbeite wenigstens ... ich meine, ich arbeite an der Uni. Als Modelliererin." Ich sah die leeren Blicke ohne aufzusehen. "Als Informatikerin", setzte ich nuschelnd hinzu und gab schnell mit einem Blick an den bleibten Mann neben mir weiter.

 

"Vanhouten, mein Name", polterte der.

 

Einerseits war ich erleichtert, dass ich es hinter mit hatte. Andererseits wusste ich nicht, was ich erschreckender fand: Dass mir nichts Wichtigeres über mich zu sagen einfiel als mein Beruf oder dass diese zwei Sätze tatsächlich mehr über mich aussagten, als ich wahr haben wollte.

 

Wenigstens konnte ich wieder zuhören.

 

"Ich bin Finanzmarkt-Analyst bei einer der top five Banken. Keine Schleichwerbung ... Haha! Also, wenn jemand Tipps braucht, scheuen Sie sich nicht, mich zu fragen. Ich weiß mehr, als die typischen Anlageberater, die doch nur ein veraltetes Katalogwissen abspulen. Ha ha ha."

 

Ich wollte zwar keinen Tipp, aber ich hätte gerne gewusst, wie sich ein trockener Grashalm fühlt, der dem heranrasenden Sturm der Finanzkrise wehrlos und wissend entgegen blickt.

 

Warum fragst du ihn dann nicht?, wollte Ypey wissen.

 

So sinnvoll ist der Vergleich auch nicht. Die Grashalme haben den Sturm ja nicht selbst entfacht.

 

"Entschuldigung. Wessen Vater sind Sie?", wollte ein Vater von gegenüber wissen. Ich hatte natürlich schon wieder vergessen, wer das war.

 

"Marie-Ann Vanhouten", sagte der Banker, so als hätten sich das alle schon eingeprägt haben müssen.

 

Bist du denn sicher, dass die Banker für die Krise verantwortlich sind?, fragte Ypey.

 

Ich stutzte und schaute nachdenklich in die Mitte, in der ein Blumenstrauß auf dem Linoleumboden stand.

 

Du hast natürlich recht. Das ist ein zentrales analytisches Erbe von Marx: Selbst diejenigen, die Kapitalismus predigen, sind nicht von den entfesselten System-Mechanismen geschützt. Wer sollte das besser wissen, als eine Modelliererin wie ich!

 

Da war die Runde zuende und ich bemühte mich, meine Aufmerksamkeit auf Frau Weigelt zu konzentrieren.

 

"So dann noch einmal herzlich Willkommen, liebe Eltern!", sagte sie. "Der erste Punkt auf der Tagesordnung ist die Wahl der Elternvertreter. Wer von Ihnen könnte sich vorstellen, das zu übernehmen?"

 

Der Banker neben mir hob seine Hand. Während Frau Weigelt "Vanhouten" an die Tafel schrieb, schauten wir anderen uns flehentlich um, ob sich noch jemand meldete. Hier und da tuschelten Eltern, die sich schon kannten. Und auch Linda stieß mich an.

 

"Willst du nicht?", flüsterte sie.

 

Nein. Ich wollte nicht. Aber ich wollte auch nicht einem Apologeten des Kapitalismus das Feld überlassen.

 

Ich hob also zaghaft---

 

Wowowo! Hold on there, partner. Today is don't be stupid day. You can't do that!, sagte Mike Muir in meinem Kopf und ich brauchte einen Moment, um zu merken, dass Ypey eine perfekte Imitation geliefert hatte. Ich grinste in mich hinein. Sie hatte recht. Das wäre eine totale Schnapsidee. Ich schaffte so schon kaum meine Arbeit, meine Stunden, sicher, aber längst nicht alles, was ich vor Abgabeterminen und Antragsdeadlines immer alles machen musste, geschweige denn, dass es mit dem Programmieren so schnell voranging, wie es sollte. Ich seufzte also und meldete mich nicht. Stattdessen gab ich den Ball an Linda zurück. Als die sich endlich meldete, atmete ich auf.

 

Hast du heimlich Musik gehört?, fragte ich Ypey.

 

Wieso heimlich? Das lief, als wir vorhin Wäsche aufgehängt haben.

 

Wir!, schnaubte ich. Du hast keinen Finger gerührt.

 

Sie lachte.

 

Ich dachte nach.

 

Es stimmte. Vorhin war Suicidal Tendencies gelaufen und ich hatte entgegen meiner normalen Gewohnheit den Monolog-Prolog zu Start your brain nicht übersprungen. Er war gut und witzig, aber nach zwei, drei Mal reichte es eigentlich auch. Was mir anfing, ein bisschen Sorgen zu machen, war die Tatsache, dass sie, ohne dass ich etwas davon mitbekam, einen Teil meines Gehirns nutzte, um zu hören, zu sehen, zu denken.

 

Hör mal, Ypey, dachte ich. Was bist du eigentlich? Und was willst du?

 

"I am what man has made me with his hate and cruel ways", sang Ypey und ich konnte nicht umhin, amüsiert den Kopf zu schütteln, als Erinnerungen an ein Festival auf mich einstürmten. Campingplatznachbarn hatten sich zu den genervten Kommentaren ihrer Freundinnen ausschließlich in Iced Earth Singsang unterhalten. Stundenlang. So etwas geht natürlich nur in besoffenem Kopf.

 

Moment.

 

Die Heiterkeit war verschwunden.

 

Iced Earth war heute nicht gelaufen. Tatsächlich hatte ich eben diese Platte schon eine ganze Weile nicht mehr gehört.

 

Stöberst du etwa in meiner Erinnerung?, fragte ich empört.

 

Krieg dich wieder ein, höhnte sie. Ich bin ein Teil von dir. Ich weiß alles, was du weißt. Du weißt alles, was ich weiß. Wir sind ein und dieselbe Person.

 

Das stimmte. Sie war nur meine Vorstellung.

 

Wie hatte ich eben denken können, sie wäre eine eigenständige Person? Völlig bescheuert.

 

Eine Feststellung, die mich in keiner Weise beruhigte.

Y_sea

27. September

"Als Ypey an der Reihe ist, die Runde Ale zu holen, lehnt sich der Wirt über die Theke und raunt: `Bewundernde Stimmen verbinden dich mit dem Einbruch bei Kaufmann Koriander' ", sagte mein Spielleiter Tarek und sah mich erwartungsvoll an.

 

Ich beuge mich vorteilhaft über die Theke, dachte Ypey in meinem Kopf und ich fühlte ihre Augen leuchten.

 

Quatsch, machst du nicht, dachte ich zurück.

 

Ich saß mit Tarek, Sebastian und Tobi in Tareks Küche um einen Tisch herum, auf dem sich Papier und Würfel zwischen Bergen von Chips und Schokolade drängelten.

 

"Was weiß ich denn über den Wirt?", fragte ich Tarek.

 

"Würfel mal auf Gassenwissen", erwiderte er. "Ach ne, ich würfel selbst."

 

Er sah in seiner Liste Ypeys Wert für Gassenwissen nach und würfelte so, dass wir das Ergebnis nicht sehen konnten.

 

"Ypey hat mal gehört, dass dieses Gasthaus ein Umschlagplatz für gestohlene Schmuckstücke ist", gab Tarek Auskunft. "Außerdem war es das Diebesgeheimzeichen an der Tür, das dich überhaupt erst auf die Gaststätte aufmerksam gemacht hat, erinnerst du dich?"

 

Ja, das war letzten Monat gewesen, daher war es mir nicht mehr so präsent. Was die andere Information anging, wusste ich natürlich nicht, ob es stimmte, aber wenn Ypey glaubte, dass der Wirt sie nicht an die Stadtwachen verraten würde, dann würde ich es so spielen.

 

"Und was", lächelte ich Tarek an, "ist dein Interesse an einem solchen Einbruch?"

 

"Koriander", flüsterte Tarek mit der Stimme des Wirts, "hat mehr Macht, als gut für die Stadt ist. Der Abt frisst ihm aus der Hand. Seit ein paar Monaten terrorisieren die heiligen Truppen die Stadt und ersticken jeden freien Gedanken."

 

"Ich seh mich in dem vollen Schankraum um und sage dann laut: `Ich würde gerne mit meinen Freunden ungestörter Mittagessen' ", sagte ich.

 

" 'Wir haben ein Nebenzimmer, meine Dame' ", sagte Tarek. " 'Das wird Euren Ansprüchen hoffentlich genügen.' "

 

"Ypey geht zurück an den Tisch. `Wir ziehen um, Jungs' ", sagte ich.

 

"Wieso?", protestierte Sebastian mit der näselnden Stimme seines Charakters Al Forno.

 

"Weil---", begann ich, aber Ypey unterbrach mich: Nicht hier, warnte sie. Außerdem musst du dich Al Forno gegenüber nicht rechtfertigen.

 

"... ich es sage", beendete ich also den Satz. "Ypey geht in den Nebenraum."

 

"Jaja, wir kommen hinterher", grummelte Sebastian.

 

"Kurz nachdem ihr euch in dem Nebenraum in die luxuriösen Sessel habt fallen lassen, die selbst Al Fornos ständiges Gemaule in weichen Plüsch betten, kommt der Wirt herein und bringt euch euer Mittagessen", sagte Tarek. "Ich bin Ferdinand. Ich habe gerade Ypey erzählt, dass der Abt dieser Stadt mit seinen Truppen den -- hm -- freieren Handel versucht zu unterbinden. Glaubt mir, es leiden nicht nur die Zwielichtigen unter uns. Er hat Gesetze erlassen, die es kleinen Krämern und Marktfrauen fast unmöglich macht, ihre Waren selbst zu verkaufen. Stattdessen kauft Koriander alles auf. Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen woher der Wind weht. Wir vermuten, dass Koriander etwas mit dem Stimmungswandel des Abtes zu tun hat, der bis vor ein paar Monaten der Stadt eigentlich recht freie Hand gelassen hatte."

 

"Und wer ist wir?", fragte Tobi in der drohenden Stimme seines Kriegers Morien.

 

Ich rollte die Augen in seine Richtung und Tobi grinste mich an. Tobi war natürlich längst nicht so dumm, wie er Morien spielte.

 

Tarek räusperte sich in der Rolle des Wirts.

 

"Wir, nun, sagen wir, dass ich in dieser Sache die andere Seite des Gesetzes vertrete", sagte Tarek.

 

"Verstehe ich nicht", sagte Tobi als Morien.

 

"Kein Wunder", sagte Sebastian in der hochnäsigen Art seines Magiers Al Forno.

 

"Was soll denn das heißen?", brauste Tobi im Spiel auf. "Morien zieht sein Schwert."

 

"Jungs!", sagte ich. "Wir stehen auf der selben Seite. Fakt ist, dass wir nicht zu wissen brauchen, für wen Ferdinand spricht. Ypey legt beruhigend ihre Hand auf Moriens Arm."

 

Ich sah Tobi erwartungsvoll an.

 

"Morien lächelt begeistert und lässt sein halb gezogenes Schwert wieder in die Scheide rutschen", sagte Tobi fröhlich.

 

"Die eigentliche Frage ist", sagte ich als Ypey, "was für uns dabei heraus springt."

 

Tarek spitzte die Lippen.

 

"Die Organisation, die ich vertrete, ist bereit, euch 1000 Goldstücke zu geben, wenn ihr die Macht von Koriander über den Abt brecht."

 

"Pro Person", stellte Sebastian näselnd fest.

 

"Nein zusammen", sagte Tarek empört.

 

"2000", sagte Sebastian.

 

"1500", sagte Tarek.

 

Sebastian nickte zufrieden.

 

Tobi und ich sahen uns kopfschüttelnd an. Er war der Krieger, ich war die Diebin. Aber es war der kultivierte Magier, der am geldgierigsten war.

 

"Habt ihr noch Fragen?", fragte Tarek als Wirt.

 

"Momentan nicht", sagte ich.

 

"Der Wirt lässt euch alleine", stellte Tarek klar.

 

"Gut", sagte ich. "Wir haben doch letztes Mal diesen Brief bei dem Kaufmann gefunden. Hast du den noch, Sebastian?"

 

Sebastian balancierte den Zettel mit dem Brief auf der Saftflasche und der Thermoskanne mit Kaffee.

 

Ich spähte darauf. Es handelte sich um die Bestellung einer Statue aus einer anderen Stadt, von der Al Forno die Information beigesteuert hatte, dass sie mit einem Fluch belegt war.

 

"Nehmen wir an, der Kaufmann hätte dem Abt die Statue geschenkt und der Fluch würde ihn dafür irgendwie hörig machen", überlegte Tobi.

 

"Wow", machte ich, "da kommt Morien drauf?"

 

"Ne, natürlich nicht, sorry", sagte Tobi. "Also: Ich versteh nicht, was diese Bestellung mit dem Abt zu tun haben soll."

 

Ich grinste.

 

"Gut, nehmen wir mal an, du hast recht", sagte ich. "Dann müssten wir doch einfach nur dem Abt einen Besuch abstatten und Al Forno guckt sich nach einer Quelle magischer Energie um. Wenn in seinem Arbeits- oder Empfangszimmer nichts ist, müssen wir es in seinem Schlafgemach versuchen. Da wird es natürlich etwas schwieriger einzusteigen."

 

"Da fällt uns bestimmt irgendwas ein", grinste Sebastian und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

 

Genau!, steuerte Ypey begeistert bei. Flirte mit dem Abt!

 

"Wie wäre es, wenn ich dem Abt als trauernde Pilgerin aus dem Süden einen Besuch abstatte", sagte ich, "bei dem ich ihm eine großzügige Spende mache. Sonst empfängt er mich gar nicht erst. Und ihr seid meine Leibwachen."

 

"Machen wir so!", sagte Tobi. "Morien steht auf."

 

"Warte mal", sagte Sebastian. "Wir brauchen irgendetwas, das dich als Pilgerin ausweist, ein Dokument von einem anderen Kloster oder so."

 

Schon gefälscht, sagte Ypey.

 

"Das kann ich fälschen", sagte ich und sah Tarek an. "Wie lange brauche ich dafür?"

 

Tarek zuckte die Achseln.

 

"Eine Stunde."

 

"Gut, dann mache ich das."

 

"Wie gut kann Ypey fälschen?", fragte Tarek.

 

Ich blätterte in ihrer Mappe.

 

"18", sagte ich zufrieden und erntete anerkennende Pfiffe von Sebastian und Tobi.

 

Tarek würfelte wieder ohne uns das Ergebnis zu zeigen.

 

Flirte mit dem Abt, beharrte Ypey. Zieh was Schickes an, damit der Plan B mit seinem Schlafgemach klappt!

 

"Ich besorge mir noch ein Kleid", sagte ich.

 

Mit tiefem Ausschnitt!, rief Ypey und ließ ein perfektes Bild in meinem Kopf entstehen.

 

"Ihr wisst schon, diese französischen Adelskleider, wo das Korsett die Brüste über den Ausschnitt hebt."

 

Tarek, Sebastian und Tobi sahen mich an.

 

"Na, damit ich ihn noch betören kann, wenn es nicht in seinem Arbeitszimmer, sondern in seinem Schlafzimmer ist", fuhr ich fort.

 

Juhu!, jubelte Ypey.

 

"Seit wann macht Ypey den so was?", fragte Tobi.

 

Stimmt, so habe ich dich noch nie gespielt, dachte ich.

 

Vielleicht hat sich nur noch nicht die richtige Gelegenheit ergeben, dachte Ypey fröhlich.

 

"Hm, vielleicht gab es nur noch nicht die passende Gelegenheit", sagte ich.

 

"Quatsch", meinte Sebastian, "Titten-Zeigen passt immer."

 

"Haha", machte ich trocken und versuchte, nicht rot zu werden, und versuchte außerdem, Ypeys Gekicher zu ignorieren. "Ich dachte, Al Forno wäre schwul."

 

"Ach ja, stimmt ja", grinste Sebastian. "Aber Morien braucht sich nicht zu beschweren, der steht doch auf Ypey."

 

Aha?, dachte Ypey interessiert.

 

"Morien hat sich ja auch nicht beschwert", meinte Tobi und seine Würfel purzelten vom Tisch. "Ich fand es lediglich einen Charakterzug, den ich noch nicht an Ypey gesehen habe. Aber im Gegenteil, Morien geht natürlich gerne mit shoppen und sucht ihr das passende Kleid aus."

 

So machten wir es und Ypey bekam Komplimente von Morien und ihren Flirt mit dem Abt, ich bekam lebenswichtige Informationen von ihr dafür und Al Forno fand eine starke magische Energiequelle im Arbeitszimmer des Abtes, so dass Ypey sich nicht auch noch in dessen Schlafzimmer schleimen musste.

 

Ein schöner Abend. All das Geflirte hatte mich ganz kribbelig gemacht, so dass ich es eilig hatte nach Hause zu kommen, als wir aufhörten.

 

Aber leider schlief Robin schon.

Y_sea

22. September

"Mama, liest du mir das neue Buch vor?"

 

"Den Struwwelpeter?", machte ich verächtlich. "Nein, ich will doch nicht, dass du Alpträume bekommst. Such dir was anderes aus."

 

"Die böse Westhexe, die böse Westhexe!", krähte Feanor. Aber während ich den Zauberer von Oz holte, bemerkte ich, wie er fasziniert den Struwwelpeter beäugte.

 

Das hast du ihm jetzt aber schmackhaft gemacht, grinste Ypey.

 

Stimmt, gab ich missmutig zu. Dann fiel mir ein, wie ich die Situation retten konnte.

 

"Das musst du schon selbst lesen, wenn du wissen willst, was drin steht", sagte ich mit einem Nicken in Richtung des gelben Einbands, mit dem Monster vorne drauf, das ganz lange Haare und Fingernägel war.

 

Vielleicht motiviert ihn das, Lesen zu lernen.

 

Aha, machte Ypey fröhlich. Also doch ein pädagogisch wertvolles Buch.

 

Ich rollte die Augen, setzte mich neben Feanor und ließ ihn zu seinem Lieblingskapitel blättern, was er eifrig tat. Dann erzählte ich ihm von bissigen Wölfen, augenaushackenden Krähen, Schwärmen schwarzer Bienen und geflügelten Affen, die mit langen Klauen ihre Opfer in die Luft hoben, bis er mit seinem Holzschwert in der Hand und an mich gelehnt eingeschlafen war, noch bevor das Kapitel mit dem Tod der bösen Westhexe ein gutes Ende gefunden hatte. Egal. Ich hatte es ihm schon hundertmal vorgelesen.

Y_sea

20. September

Linda stand mit Mann und Kindern an der Tür des Gartenzauns. Sie hatte einen Salat dabei, obwohl ich ihr gesagt hatte, dass das nicht nötig wäre.

 

"Hallo, kommt rein!", rief ich ihr zu, weil ich noch dabei war, die Würstchen auf dem Grill zu wenden. Endlich veranstalteten wir unsere Einweihungsparty und hatten sogar schönes Wetter dafür.

 

Als alle Würstchen versorgt waren, hängte ich den Rost etwas höher, damit ich mich kurz um Linda kümmern konnte. Sie war diejenige, die die wenigsten Leute hier kannte. Ich bedankte mich artig für den Salat und stellte ihn auf das Buffet. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie sie Feanor ein Geschenk in die Hand drückte. Es war sogar eingepackt, als hätte er Geburtstag.

 

Feanor riss das gelbe Papier auf, ließ die Fetzen achtlos fallen und beförderte ein Buch ans Tageslicht.

 

Es war ebenfalls gelb. Ich ahnte es schon, bevor ich mich wieder dazu gesellt hatte. Ich hasste das Bild, besonders die langen Fingernägel.

 

Der Struwwelpeter.

 

"Danke, Linda!", rief mein Sohn, der Bücher wirklich gerne mochte.

 

Ich hätte mich gerne über sein "Danke" gefreut. Wann tat er das schon mal?

 

Aber der Struwwelpeter?!, dachte ich verzweifelt und heischte bei Ypey um Zustimmung.

 

Was ist so schlimm daran?, wollte sie wissen.

 

Ich dachte, über diese Art der Erziehung wäre die Menschheit weg.

 

Aber Ypey fand es lustig.

 

Ich weiß nicht, wie gut ich hätte lügen können. Aber zum Glück musste ich nichts zu Linda sagen, denn in diesem Moment erschienen meine Rollenspiel-Kumpels am Gartenzaun.

 

Ich umarmte Tarek und flüsterte ihm zu: "Du hast gerade mein Leben gerettet."

 

Er schmunzelte nur und ich begrüßte auch Sebastian und Tobi.

 

Dann eilte ich wieder an den Grill und stapelte die fertigen Würstchen auf einen Teller. Ich nahm mir Zeit, legte sie sorgfältig nebeneinander, baute eine perfekte Pyramide. Viel ruhiger schlenderte ich mit dem Würstchenteller durch den Garten und bot sie meinen Gästen an, als wären es Canapes.

 

"Und was machen Sie, Tarek?", hörte ich Linda fragen.

 

Na, da haben sich ja zwei gefunden, dachte ich und betrachtete das ungleiche Paar. Mein Spielleiter war groß und schlacksig, mit wilden, lockigen Haaren und Bart, mit zerrissener Jeans und Holzfällerhemd, an dem er einen Button mit fünfstrahligem, roten Stern trug. Er lehnte an der Wand neben dem Küchenfenster und drückte gerade eine selbstgedrehte Zigarette in den Aschenbecher, der auf dem Fenstersims stand.

 

"Ich unterhalte mich gerade mit Ihnen, Linda", grinste er und prostete ihr zu, bevor er einen langen Schluck aus seiner Bierflasche nahm.

 

Fasziniert, sah ich weiter zu.

 

"Ich meinte, was machen Sie beruflich?", ließ sich Linda nicht beirren.

 

"Ich studiere", erwiderte Tarek, an dem seine fast vierzig Jahre deutliche Spuren hinterlassen hatten. Vielleicht waren es nicht so sehr die Jahre, sondern der Alkohol und die Zigaretten und die Pizza beim Rollenspielen und die zu vielen durchwachten Nächte, die ihre Spuren da gezeichnet hatten.

 

"Was studieren Sie denn?"

 

"Philosophie."

 

"Interessant, was macht man denn damit, wenn man fertig ist?"

 

"Philosophieren?", erwiderte Tarek. Da sah er mich, sah, wie ich meine Augen rollte und den Kopf schüttelte.

 

Er räusperte sich also und fuhr etwas gesprächiger fort: "Naja, vielleicht auch Taxifahren. Es hat tatsächlich nicht so gute Jobchancen im Angebot. Aber darum studiere ich ja auch nicht. Ich studiere, weil ich durch Bildung Selbstentfaltung erreichen will. Ich denke über mich und die Welt nach und wenn ich lese, was andere Menschen über sich und die Welt gedacht haben, dann hilft es mir, meine Situation besser zu verstehen. Und ich bin ganz froh, wenn ich noch eine Weile der kapitalistischen Reproduktionsmaschinerie entkomme, indem ich eben keinen Job habe, der mich ja doch nur kaputt macht, weil er verhindert, dass ich Zeit und Muße zum Nachdenken habe. Weil das System davon lebt, dass die Menschen vom Reflektieren ihrer beschissenen Situation abgehalten werden."

 

Tarek lächelte mich an und zog die Augenbrauen hoch.

 

'Besser?', formten seine Lippen.

 

Ich machte einen Schritt auf die beiden zu, hielt ihnen den Teller unter die Nasen und sagte: "Würstchen? - Ach, die Tofuwürstchen und Gemüsespieße sind auch schon fertig, Tarek. Der vegetarische Teller steht auf dem Gartentisch."

 

"Danke", sagte er mit angewidertem Blick auf den Teller in meiner Hand. Dann schlenderte er gelassen mit der Bierflasche zwischen Zeige- und Mittelfinger hängend an das andere Ende der Terasse.

 

Linda und ich sahen ihm hinterher.

 

"Interessante Freunde hast du", sagte Linda.

 

"Freunde", Linda? Ich denke genauso wie er. Ich bin genauso wie er.

 

Du warst genauso wie er, korrigierte mich Ypey und ich wurde plötzlich leer und traurig, weil ich wusste, dass sie recht hatte. Mit Feanors Geburt war es schlagartig wichtig geworden, Teil der Gesellschaft zu sein.

 

Ich seufzte.

 

"Du konntest nicht so viel mit ihm anfangen, was?", fragte ich Linda.

 

"Naja", gab sie zu. "Ich habe nur die Hälfte verstanden, von dem, was er erzählt hat. Aber vielleicht ist es das, was ihn interessant macht. Als käme er aus einer anderen Welt."

 

Hi hi, kicherte Ypey. Die beiden sind tatsächlich wie aus zwei verschiedenen Welten. Und weißt du was, Hedwig? Du bist in beiden Welten zuhause. Nein, stimmt gar nicht. Du bist in beiden Welten nicht zuhause.

Y_sea

"Helft ihr mir bitte beim Abwasch?", bat ich die beiden nach dem Essen.

 

"Nö, wir müssen Hausaufgaben machen", sagte Feanor und zog Richard hinter sich her aus der Wohnküche.

 

Müde betrachtete ich das Schlachtfeld von Tisch und den nicht minder versifften Herd.

 

Linda kriegt es offenbar hin, sich auszuruhen, meinte Ypey.

 

Linda!, keifte ich. Hör mir auf mit Linda! Alles kann sie besser. Sie kocht besser. Sie erzieht ihren Sohn besser. Sie kauft effizienter ein. Sie engagiert sich in der Schule mehr. Sie hält ihre Wohnung besser in Ordnung. UND DANN KÜMMERT SIE SICH AUCH NOCH BESSER UM SICH SELBST!

 

Wow, machte Ypey. Cool.

 

Ich presste meine Handinnenflächen auf die Augen.

 

Seufzte.

 

Dann machte ich mir einen Kaffee, den ich in Seelenruhe trinken wollte, bevor ich mich an den Abwasch machte. Stattdessen stürzte ich ihn zu heiß herunter und stand, ehe ich mich versah, an der Spüle und schrubbte die Pfanne.

 

Ts ts ts, dachte Ypey.

 

Daraufhin ließ ich die Pfanne immerhin für ein paar Sekunden alleine, um mir Musik anzumachen. Was Hartes. Schnell. Heaven Shall Burn. Laut.

 

Als ich den Spülschwamm wieder in der Hand hatte, meinte Ypey trocken: Kein Wunder, dass du so hektisch bist.

 

Im Gegenteil, antwortete ich siegesgewiss. Wenn ich mir vorhin schon Musik angemacht hätte, dann wäre ich beim Kochen viel entspannter gewesen.

 

Sie tat skeptisch.

 

Doch, glaub mir, beharrte ich und spülte mit langsamen Bewegungen genießerisch die fettige Pfanne. Ich wippte mit, ich sang sogar ein paar Zeilen mit. "A promise to the felons, you'll never rise again!"

 

Eigentlich glaube ich an Versöhnung, vertraute ich Ypey an.

 

Eigentlich?, schnaubte sie.

 

Aber diese Kompromisslosigkeit ist so erfrischend.

 

Dingdong.

 

Wenn es nicht gerade am Ende des Songs gewesen wäre, hätte ich die Klingel vermutlich nicht gehört. Ich hatte nicht gelogen. Ich war deutlich entspannter, als vor fünf Minuten.

 

Gelassen ging ich zur Tür. Durch das lange Fenster mit dem rauhen Glas neben der Tür meinte ich, die verschwommene Form von Linda zu erkennen, und eilte in die Küche zurück, um die Musik auszumachen, bevor ich immer noch mit Spülschaum an den Händen die Tür öffnete.

 

Linda stand mit verquollenen Augen davor, Kirsten in ihren verkrampften Armen.

 

"Ist Feanor schon da?", fragte sie mich mit zittriger Stimme.

 

"Ja, Richard ist hier, komm rein Linda", machte ich beruhigend. "Linda tut mir leid, wir hätten dir einen Zettel an die Tür hängen sollen. Hast du dir Sorgen gemacht?"

 

Erleichtert trat sie herein und erlaubte mir, dass ich ihr Kirsten abnahm, nachdem ich meine Hände an meinem T-Shirt getrocknet hatte.

 

"Ich habe verschlafen!", jammerte Linda und sank auf einen Stuhl. "Kirsten ist gerade so verschnupft und jammert nachts so viel und ich habe selbst nur drei Stunden in der Nacht geschlafen und das geht jetzt schon seit Wochen so."

 

"Ich kenne das, Linda", meinte ich. "Kein Problem. Es ist doch gut, wenn du am Tag deinen Schlaf nachholen kannst."

 

"Aber er stand bestimmt vor der verschlossenen Tür und kam nicht rein!", rief sie und sprang wieder von dem Stuhl auf.

 

"Du musst doch kein schlechtes Gewissen haben", beruhigte ich sie.

 

So so, machte Ypey.

 

"Es war gar nicht schlimm für ihn. Er ist einfach hier rüber gekommen."

 

"Danke, Hedwig", schluchzte Linda.

 

"Kein Problem. Dafür sind Nachbarinnen doch da. Es war überhaupt keine große Sache, dass er hier mit isst. Und jetzt machen sie Hausaufgaben- dachte ich zumindest", fügte ich an, weil ich Gelächter und die Hupe des ferngesteuerten Autos hörte. "Ist doch toll, dass sie sich so gut verstehen."

 

"Ja", sagte Linda und wischte sich die Tränen von den Wangen. "Das ist wirklich schön. Er hatte in der Vergangenheit Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen."

 

Ha!, höhnte Ypey.

 

Ich streichelte Kirstens Kopf und versuchte - versuchte wirklich - nicht schadenfroh zu sein, darüber dass auch bei ihrem Kind nicht alles so reibungslos lief, wie Eltern sich das wünschten. Aber Ypeys triumphierender Hohn war nicht zu ignorieren.

 

Zum Glück war Linda auf dem Weg zum Kinderzimmer und so bekam nur Kirsten meinen Anflug von Schadenfreude mit, als ich ihr den Schnodder von der Nase wischte.

Y_sea

15. September - mittags

"Au!", schrie ich auf.

 

Heißes Öl war aus dem kleinen Topf auf meine Fingerknöchel gesprizt und brannte sich schmerzhaft in die Haut, aber ich hatte keine Zeit, sie zu kühlen. Es war erst die erste Hälfte der Zwiebel gewesen, die ich gerade hektisch in nicht ganz kleine Stücke geschnitten hatte, nachdem ich geradezu panisch die störrische braune Schale abgeknibbelt hatte. Die abblätternden Fetzen waren so klein, dass es mich schier verrückt gemacht hatte, weil ich ja schon gesehen hatte, dass das Öl anfing zu dampfen.

 

Ich nahm wieder das große Küchenmesser, mit dem ich so geübt umging, dass es Ypey eigentlich stolz machen müsste. Aber jenseits des Wirbels von Hast und Hetze, merkte ich, dass sie mich kritisch beobachtete.

 

Als ich die zweite Hälfte der Zwiebel in Würfel gehackt hatte, hatte die erste schon schwarze Ränder bekommen. Schnell den Reis dazu. Umrühren.

 

In großen Stücken schnitt ich die erdige Schale von dem Sellerie, da auch das für ihn bestimmte Wasser bereits kochte.

 

Der Reis brennt an, gab Ypey hilfreiche Auskunft.

 

Blitzartig füllte ich einen Becher mit kaltem Wasser aus dem Hahn und löschte den Reis gerade noch rechtzeitig ab. Das Wasser begann sofort zu dampfen, ich drehte runter und deckte den Topf ab.

 

Warum hast du die Herdplatten angeschaltet, bevor du das Gemüse fertig hattest?, fragte Ypey zuckersüß.

 

Halt die Klappe, erwiderte ich angespannt und wendete mich wieder dem Sellerie zu. Von meinen Fingern war Erde von der Schale an die geschälte Knolle gekommen, so dass ich ihn kurz abwaschen musste, bevor ich ihn in das kochende Wasser gleiten lassen konnte. Schmerzhaft protestierten die kleinen Brandwunden an meinen Knöcheln, als der Wasserdampf sie umnebelte.

 

Nach drei Minuten extremer Hektik, entspannte ich mich dabei, mit gemächlicheren Bewegungen drei Teller für die Panade vorzubereiten.

 

Mein Körper sog dabei tief Luft ein, so als habe er zuvor nicht genug bekommen. Mein Herz klopfte heftig. Die Hände zitterten sogar noch leicht, so dass die Teller mit einem harten Klacken aneinanderstießen.

 

"Puh", machte ich.

 

Im Ernst, sagte Ypey. Ist dein Leben zu langweilig, dass du dir absichtlich ein bisschen Stress machen musst?

 

Ich hatte keine Zeit zum Antworten. Ich kippte Mehl auf den einen, Paniermehl auf den anderen Teller.

 

Was hast du an Zeit gespart?, fuhr sie fort, während ich ein Ei holte. Eine halbe Minute? Ich gebe zu, eine halbe Minute ist viel Zeit, wenn man gegen einen zweihändig angreifenden, beschleunigten Gegner kämpft. Aber ehrlich. Feanor wird nicht verhungern, wenn er dreißig Sekunden auf sein Mittagessen warten muss.

 

Ich grunzte nur, während ich das Ei aufschlug.

 

Ich bin ein großer Fan von professioneller Eleganz, Hedwig, plapperte Ypey einfach weiter, während ich das Ei mit schnellen Schlägen verquirlte. Bin ich wirklich und deine Zeiteffizienz ist vorbildlich. Aber sie geht eine Spur zu weit. Findest du nicht? Du machst dich kaputt.

 

Ich nahm vier der kleinen Schnitzel aus dem Kühlschrank. Die anderen beiden würde sich Robin heute abend machen und er mochte sie lieber ohne Panade.

 

Als ich das erste paniert zwischen ebenso panierten Fingerspitzen hielt, drehte ich die Platte an, auf der die Pfanne stand und kippte einen Schuss Öl hinein.

 

Du machst es schon wieder, kommentierte Ypey.

 

Sie hat recht, dachte ich--- und änderte es nicht.

 

Das zweite Schnitzel war fertig paniert, da brutzelte schon das Öl. Mit flinken Bewegungen legte ich die beiden fertigen in die Pfanne, drehte die Hitze etwas herunter und beeilte mich, das dritte und vierte innerhalb kürzester Zeit dazuzugeben.

 

Dann schüttete ich die Panadereste weg, stellte die Teller in die Spülmaschine und betrachtete misstrauisch den Herd. Der Reis brauchte keine Aufmerksamkeit mehr, der Sellerie war längst noch nicht fertig und die Schnitzel musste ich erst in ein paar Minuten umdrehen.

 

Mir ist nicht zu langweilig, antwortete ich endlich säuerlich. Mein Leben ist so voll mit Hektik und Effizienzzwang, dass ich kaum Zeit zum Luftholen habe. Jetzt, seit Feanor in der Schule ist, ist es noch schlimmer geworden. Robin arbeitet mehr und ich schaffe meine Arbeitszeit in der Uni nicht mehr. Ich muss zuhause arbeiten und auch so komme ich nicht hinterher, ständig deadlines, ständig Druck, ständig unfertige Sachen abgeben.

 

Luft holen!, erinnerte mich Ypey.

 

Ich atmete tief durch.

 

Dann ließ ich mich auf einen Stuhl plumpsen und spürte die Energie aus meinem Körper strömen, als hätte jemand den Stöpsel gezogen. Ich stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte den zu schweren Kopf in die Hände.

 

Zehn Sekunden später stemmte ich mich mühsam hoch und begann mit schlurfenden Schritten, den Tisch zu decken. Deutlich spürte ich in mir ein Kopfschütteln, das Ypeys Missbilligung zum Ausdruck brachte.

 

Das ist dieser Induktionsherd, dachte ich entschuldigend, während ich Teller und Besteck für mich und Feanor deckte. Wochenlang habe ich auf dieser Doppelherdplatte gekocht, die ewig gebraucht hat, bis sie warm wurde. Jetzt geht es mir einfach zu schnell.

 

Interessant.

 

Ich stellte Gläser und eine Karaffe mit Leitungswasser auf den Tisch.

 

Was ist interessant?, fragte ich schließlich doch nach.

 

Interessant ist der Effekt der Technik, überlegte sie, während ich die Schnitzel wendete. Ihr habt unglaublich tolle Gegenstände, die euch viele Dinge so immens viel leichter machen. Ich meine, guck dir den Herd mal an. Anschalten, zwanzig Sekunden später brutzelt das Öl. Da, wo ich herkommen, muss man erstmal einen Baum fällen, ihn in handliche Stücke hacken, braucht zwanzig Minuten, um ein Feuer anzumachen -- naja, du weißt schon. Und ihr macht es mit einem Fingerschnippen. Toll, oder? Und sieh dich an. Statt diese totale Erleichterung zu genießen und dir ein schönes Leben zu machen, verdampfst du in Hektik, weil der Herd zu schnell ist.

 

Ich hatte den Pfannenwender noch in der Hand, obwohl längst alle vier Schnitzel die schon gebräunte Seite oben hatten.

 

Tatsächlich, dachte ich. Interessant.

 

"Was gibt's zu essen?", brüllte Feanor durch die sich öffnende Tür.

 

Ich legte endlich den Pfannenwender aus der Hand und ging in den Flur, um ihn zu begrüßen. Durch die offene Tür sah ich Richard und lächelte ihm zu.

 

"Schnitzel und Reis", antwortete ich und hob Feanors Jacke vom Boden auf und hängte sie an den Haken.

 

"Kann Richard hier essen?", fragte Feanor und warf seine Schuhe durch den Flur.

 

"Klar", erwiderte ich und winkte Richard herein. "Weiß deine Mutter bescheid?"

 

"Danke, Frau Schulz", sagte Richard artig. "Ich glaube, meine Mutter schläft. Die Klingel ist ausgestellt."

 

Dabei stellte er seine Schuhe ordentlich unter die Schuhbank. Sehnsüchtig beobachtete ich, wie er die Jacke an einen Haken hing und seinen Schulranzen darunter stellte. Schnell räumte ich Feanors Ranzen und Schuhe aus dem Weg, damit nicht noch jemand darüber stolperte.

 

"Richard, komm mal, ich habe ein ferngesteuertes Auto", schrie mein Sohn, der längst in seinem Zimmer verschwunden war.

 

"Das Essen ist schon fertig", sagte ich zaghaft.

 

Richard sah sich aufgeschreckt um, konnte sich nicht entscheiden, zwischen mir und dem ferngesteuerten Auto.

 

"Ach, geh ruhig noch spielen", meinte ich dann zu Richard. "Ich muss sowieso noch zwei Schnitzel panieren."

 

Richard stürmte ins Kinderzimmer und ich eilte in die Küche.

 

Jetzt ärgerte ich mich, dass ich die Panadenteller schon weggeräumt hatte.

 

Mit der Hand am Kühlschrankgriff hielt ich inne.

 

Aha, meinte Ypey. Fällt es dir also auch auf. Warum musst du noch zwei Schnitzel panieren?

 

Die sind doch so klein, stammelte ich und spürte Feuchtigkeit in meine Augen treten.

 

Na und? Feanor hat ihn eingeladen. Sollen sie beide nur eins essen. Es ist sowieso unglaublich viel Fleisch für eine Mahlzeit. Und der Sellerie ist doch auch noch da.

 

Wenn sie von dem eine Gabel voll essen, bin ich schon froh, antwortete ich matt. Ich mache besser noch die beiden, die für Robin heute abend waren, und kaufe nachher noch zwei neue.

 

Hedwig!, machte Ypey entgeistert.

 

Na gut, gab ich kleinlaut nach, stellte einen dritten Teller auf den Tisch, tat Feanor und Robin je zwei Schnitzel und einen großen Löffel Reis auf den Teller und hielt mich selbst an den Sellerie.

 

Du hast sie echt nicht alle, fand Ypey.

 

Ist sowieso gesünder, murmelte ich und rief die Jungen.

Y_sea

15. September - vormittags

Sieh dir das an, flüsterte Ypey ehrfürchtig in meinem Kopf.

 

Ich verzog genervt den Mund.

 

Die schrill beleuchteten Regale vollgepackt mit Waren, die trotz ihrer krampfhaften Versuche aufzufallen, doch so unglaublich gleichförmig waren, stauten einen Stress in mir an, der mich unvorsichtig werden ließ, so dass ich diesen Konsumtempel, der ein gewöhnlicher Supermarkt war, so schnell wie möglich wieder verlassen konnte.

 

`Sieh dir das an', machte ich sie verächtlich nach. Das beeindruckt dich? Das ist alles Mist.

 

Ich zog wahllos eine Nudelsoße im Glas aus dem Regal, in dem hunderte Sorten von Dutzenden Marken standen.

 

Ich glaube kaum, dass jemand die Geschmäcker dieser Sorten unterscheiden kann. Alles nur, damit man zuhause keinen Aufwand hat, weil man schon so genug Stress hat. Und die angebliche Vielfalt verleiht dem Einheitsbrei einen Hauch Rafinesse.

 

Ich stellte die Tomatensoße mit Oliven zurück und packte die mit Gorgonzola in den Einkaufswagen.

 

Wenn sie alle gleich schmecken, warum nimmst du dann nicht die, die du zuerst in der Hand hattest?, fragte Ypey unschuldig.

 

Ich seufzte.

 

Diese hier hat Feanor gerne gegessen, gestand ich und Ypey lachte.

 

Du kannst lachen, fuhr ich fort, und ich gebe zu, dass es auf den ersten Blick beeindruckend aussieht. Aber ich glaube, richtiger Wohlstand ist etwas anderes.

 

Ich ging zur Fleischtheke und wollte drei Hähnchenschnitzel.

 

"Die sind ganz klein", sagte die dicke Verkäuferin. "Soll ich Ihnen nicht lieber sechs geben?"

 

Ich sah sie mir an. Es stimmte, sie waren nicht besonders groß.

 

"Ja gut", stimmte ich zu. "Geben Sie mir sechs."

 

Richtiger Wohlstand ist was?, fragte Ypey.

 

"Hedwig!", sagte Linda neben mir, die mit einem übervollen Einkaufswagen auch an der Fleischtheke aufgetaucht war. "Machst du auch gerade deinen Wocheneinkauf?"

 

"Äh, ne, ich kaufe eigentlich meistens nach der Uni schnell ein, was ich dann an dem Tag noch koche. Aber ich habe nachher eine Besprechung, die wahrscheinlich so lange dauert, dass ich dann keine Zeit habe, also gehe ich vorher."

 

"Ist das nicht furchtbar zeitaufwändig, jeden Tag einkaufen zu gehen? Ich finde es ja effizienter, das nur einmal die Woche machen zu müssen. Man muss halt ein bisschen planen."

 

Tja, dachte ich. Wenn man planen kann, kann man vermutlich etwas Zeit sparen. Aber ich finde nicht mal Zeit, meine Woche vorzuplanen.

 

Mir fiel auf, dass sie kurz die Hand vor den Mund hielt, so als wollte sie ein Gähnen verbergen. Ihre Augen hatten dunkle Schatten.

 

"Du siehst müde aus", sagte ich unvorsichtig.

 

"Tatsächlich?", erwiderte sie entsetzt und ich bereute schon, das gesagt zu haben.

 

"Nicht auffällig", versuchte ich vergeblich, sie zu beruhigen, "einfach etwas übermüdet. Ward ihr aus?"

 

"Nein", sagte sie und lachte auf. "Aus! Nein! Kirsten schläft schlecht."

 

"Oh, das tut mir leid."

 

Ich bekam die Tüte mit den Hähnchenschnitzeln und Linda war an der Reihe. Also verabschiedete ich mich und ging arbeiten.

Y_sea

12. September

Ich pustete in den Becher mit dem zu heißen Kaffee, den ich mit beiden Händen hielt. Um mich herum lachten die anderen, unterhielten sich, erzählten sich Neuigkeiten. Ich stand an der Wand, starrte auf den Urlaubsplan, ohne ihn zu sehen, und wälzte Parametersätze durch meinen überforderten Verstand.

 

Was machst du hier?, fragte Ypey wieder einmal.

 

Das fragte sie oft. So als zweifelte sie, dass ich Gründe hatte, für das, was ich tat. Gründe für mein Leben.

 

Kaffeetrinken, antwortete ich trocken, während mein Hinterkopf noch die letzten Zahlen und Implikationen der Modellergebnisse verdaute.

 

Ich nahm einen Schluck. Ich mochte ihn zu heiß.

 

Lass mich die Frage umformulieren, erwiderte Ypey ungerührt. Warum gehst du jeden Tag in diesen blaugrauen Kasten, den du Büro nennst, mit einer Tür und einem Fenster und einem Geist in zwei Gehirnen, die es bevölkern?

 

Wie kommst du darauf, dass Florian dumm wäre?, fragte ich und meine Augen wanderten zu ihm, wie er sich mit Wilhelm unterhielt.

 

Ich habe nicht gesagt, dass er dumm wäre. Ich meinte, dass er keine Phantasie hat. Jegliche Kreativität läuft aus ihm heraus, wie aus einem lecken Eimer, verschwindet im Staub des trockenen Linoleum-Bodens.

 

Wie poetisch, spottete ich. Er macht hervorragende empirische Arbeit.

 

Vielleicht. Aber du mit deinen Modellen. Du hast Phantasie.

 

Zu viel. Es geht in der Wissenschaft nur bedingt um Phantasie. Eigentlich sollten die Modelle auf Daten beruhen.

 

Ah, lenk nicht ab, sagte Ypey. Also, warum gehst du jeden Tag ins Büro?

 

Damit ich Geld verdiene, erwiderte ich matt.

 

Seufzend setzte ich mich auf einen freien Stuhl.

 

"Hedwig, alles okay bei dir?"

 

Nicole war plötzlich an meiner Seite. Meine Kollegin in Elternzeit, für die wir dieses Kaffeetrinken veranstalteten.

 

Ich lächelte sie mit der hormonschwangeren Sanftheit an, mit der ich seit Feanors Geburt frischgebackenen Eltern begegnete. Und ihren Babys. Natürlich gab es das Kaffeetrinken nicht für Nicole, sondern für ihr Baby, das sie uns gerade zum ersten Mal vorstellte. Jette.

 

"Darf ich sie mal halten?", gurrte ich und fühlte die Flüssigkeit unter meinen Augen. Zum Glück noch innen. Ich stellte schnell den Kaffee ab. Nicole gab mir ihre Tochter und ich schmiegte ihr Köpfchen in meinen Arm, streichelte ihre Wange, legte meinen Finger in ihre winzige Hand. Ein zufriedenes Lächeln lag auf meinem Gesicht, als ich die Sehnsucht da sein ließ. Ein Baby.

 

Dann machte es klick und mein Verstand übernahm.

 

Ich wusste genau, wie wenig Wahrheit das prototypisch transportierte Babyglück tatsächlich beinhaltete. Zu wenig Schlaf. Zu viel Geschrei. Die Hälfte der Zeit bist du damit beschäftigt, Windeln zu wechseln, vollgekotzte Klamotten zu waschen - die des Babys und deine eigenen - Arzttermine, Kinderwagen schieben, ja nicht anhalten, Stillen, Brei kochen, beim Füttern versagen und immer immer wieder die Unfähigkeit, dem Geschrei so zu begegnen, dass es aufhörte zu schreien. Dass es bekam, was es wollte.

 

Jette schrie gerade nicht. Wachsam sah sie mich an.

 

Was willst du, Kleines?, dachte ich und fühlte es nicht.

 

So wie ich schon bei Feanor nicht gespürt hatte, was ihm fehlte.

 

Angeblich spüren Eltern so etwas. Ich nicht.

 

Ich gab Nicole ihr Baby zurück und versicherte ihr, wie süß Jette war, lobte die wachen Augen und den Greifreflex. Ich hatte bekommen, was ich wollte. Die Überzeugung, dass ein zweites Kind für mich nicht in Frage kam, war wieder da. Fest. Unumstößlich.

 

Lass mich die Frage noch einmal umformulieren, sagte Ypey trocken. Was machst du hier ... auf der Welt?

Y_sea

07. September - abends

"Weißt du, es ist total seltsam", sagte ich Robin. "Mir selbst ist es gar nicht so wichtig, wenn hier Kartons herum stehen und die Küche noch nicht fertig aufgebaut ist. Aber wenn dann jemand wie Linda kommt und ihre Nase darüber rümpft, dann schleichen sich ihre Werte und Vorstellungen in mich hinein."

 

Wir lagen nebeneinander im Bett und gefiltertes Licht einer Straßenlaterne schien durch die Gardinen. Robin drehte sich zu mir.

 

"Warum kümmert dich, was sie denkt?"

 

"Das ist doch normal!", meinte ich. "Das macht man doch so."

 

"Mir ist egal, was sie denkt", erwiderte er.

 

Dabei glitt seine Hand unter meine Decke und suchte meine Brust.

 

"Aber ich finde es anstrengend", fuhr ich fort. "Linda tut so, als müsste es mir hier zwischen den Kisten ganz schlecht gehen. Aber es geht mir gar nicht so schlecht."

 

Ganz sanft streichelten seine Finger rund um die Brustwarze herum.

 

Es kribbelte. Es erregte mich. Aber ich wollte mich weiter über Linda ärgern, also schob ich seine Hand weg.

 

"Es nervt mich so, dass sie so tut, als hätte sie alles im Griff!"

 

Seufzend legte er sich auf seine Seite.

 

"Setzt dich das unter Druck?", murmelte er.

 

"Ja. Ja, genau. Es setzt mir ein Bild vor die Nase, das ich angeblich erreichen muss."

 

"Werd' bloß nicht so, wie Linda", sagte er gähnend. "Ich will dich so chaotisch, wie du bist."

 

Ich lächelte.

 

Darauf kam es ja an.

 

Als ich mich wenig später an ihn kuschelte und über seinen Arm streichelte, reagierte er nicht. Also zog ich mich auf meine Seite zurück und starrte an die Decke.

 

Du gibst ja schnell auf, kommentierte Ypey.

 

Ach, so dringend muss ich jetzt auch nicht, meinte ich.

Y_sea

07. September

Ich klingelte bei Linda.

 

Aus irgendeinem Grund war ich immer unsicher, wenn ich zu einer Verabredung kam. War ich zur richtigen Zeit gekommen? War es der richtige Tag?

 

Feanor spürte meine Unsicherheit. Maulig stand er hinter mir. Am liebsten wäre er gar nicht mitgekommen, aber ich wollte, dass er Richard besser kennenlernte.

 

Linda öffnete.

 

"Hedwig, schön, dass es geklappt hat!", begrüßte sie mich und meine Zweifel kamen mir - mal wieder - lächerlich vor.

 

Ich reichte ihr den Strauß Herbstblumen, die in dem Garten unseres neuen Hauses gewachsen waren, ohne dass ich dafür etwas getan hätte, orangefarbene Lilien und dunkelrote Stockrosen.

 

"Die sind aber schön!", gurrte Linda und suchte eine Vase.

 

Ich sah ihr hinterher, dann glitten meine Augen über die geräumige Diele. Der lackierte Parkettboden glänzte wie geleckt. Die Sonne fiel ungefiltert durch die Fenster, deren Scheiben so blank waren, als würden sie fehlen, und schien auf eine befreiende Leere. Das einzige Möbelstück im Flur war ein kleiner runder Tisch, auf dem das Telefon stand. Die offene Doppelflügeltür zum Wohnzimmer ließ nicht nur das Licht herein, sondern eröffnete auch den Blick auf einen extrem aufgeräumten Raum, lediglich ein schmales Bücherregal, eine lederne Sitzgruppe um einen Glastisch und ein kleiner Fernseher standen darin.

 

Ich zog meine Schuhe aus und zischte Feanor zu, er solle das auch tun.

 

Dann schlich ich an die Tür zum Wohnzimmer und fühlte mich unwohl, weil der Kontrast, den Lindas Wohnung zu meiner eigenen bildete, so reisig war. Und das lag nicht nur an den Umzugskartons.

 

Erleichtert entdeckte ich in einem Eckchen des Wohnzimmers doch noch etwas Unordnung. Eine bunte Babydecke mit einem Trapez und Plüschbausteinen. Und unter dem Trapez lag Kirsten.

 

"Hallo Feanor", sagte Richard schüchtern, der die Treppe im Flur herunter gekommen war.

 

"Hallo", erwiderte Feanor zurückhaltend.

 

"Hallo Richard", sagte ich und holte einen Anspitzer in Autoform aus meiner Tasche. Diesen gab ich ihm. "Feanor hat mir erzählt, dass du seinen Anspitzer toll fandest. Da habe ich dir auch einen besorgt."

 

"Danke Frau Schulz", strahlte Richard.

 

"Nenn mich Hedwig", erwiderte ich.

 

Linda kam aus der Küche und stellte eine farblich perfekt passende Vase auf den gläsernen Couchtisch, nickte in Richtung von Kirsten und sagte: "Noch bewegt sie sich zum Glück nicht vom Fleck. Dann wird es so stressig, auf alles aufzupassen. Ich hole uns den Kaffee und Kuchen hier her, ja? Hast du ein Auge auf Kirsten?"

 

"Klar."

 

Ich hatte eine andere Erfahrung gemacht. Ich war so froh gewesen, als Feanor angefangen hatte zu krabbeln. Da konnte er sich endlich mit sich selbst beschäftigen. Natürlich hatten wir in großem Aufwand die Küche, den Flur und ein weiteres Zimmer unserer damaligen Wohnung krabbelkinderfest gemacht, damit wir ihn die Umgebung in Ruhe erkunden lassen konnten.

 

Auch für Kirsten hatte ich etwas mitgebracht. Ein Plüschbuch mit Zeichnungen von Kuscheltieren. Feanor hatte es geliebt. So sah es auch aus. Ich betrachtete das Stoffbuch. Ich hatte es gewaschen, aber neu war es nicht mehr. Abgegriffen, etwas fleckig, nicht mehr ganz weich.

 

Ich sah mich um, sah die glänzenden Oberflächen und die staubfreien Ecken. Bis auf den frischen Milchfleck auf der Babydecke, war auch diese blitzblank. Wahrscheinlich wusch sie sie wöchentlich.

 

Missmutig schaute ich wieder auf das Plüschbuch und wusste nicht, ob ich es Kirsten geben sollte oder nicht. Also gab ich ihr erst eine nagelneu wirkende Rassel, die außerhalb ihrer Reichweite lag.

 

Linda kam und stellte ein Tablett voll Geschirr auf den Tisch.

 

Mit einem fröhlichen "Ich hole noch die Sahne" verschwand sie wieder.

 

Auch Linda selbst sah aus, wie frisch aus dem Ei gepellt.

 

"Richard, zeig Feanor doch mal dein Zimmer", hörte ich Linda im Flur zu den Jungen sagen.

 

Als sie die Treppe hinauf gingen, sah ich den ungleichen Kindern hinterher. Sogar ihr Sohn hatte stets eine perfekte Frisur, so dass Feanor mir schon etwas leid tat mit den selbst geschnittenen Haaren. Aber ich würde doch keine Paarundzwanzig Euro ausgeben, dafür dass ich Feanor bei seinem Wutanfall zuschauen durfte, wenn eine überforderte Frisöse versuchte, die Schere einzusetzen, ohne ihm in das wild bewegte Gesicht zu schneiden. Ich hatte es versucht. Einmal. Seitdem schnitt ich selbst.

 

Jetzt gib ihr endlich das Buch, sagte Ypey.

 

Ich nickte und hielt Kirsten das Buch hin. Sofort griff sie danach und führte es in den Mund. Dann juchzte sie, weil es lustig knisterte, als sie darauf herum kaute. Ich legte mich neben sie und zeigte auf die Seite des Buches, die sie sehen konnte.

 

"Ein Tiger", erklärte ich ihr.

 

"Gaa", machte Kirsten.

 

"Genau", sagte ich, "Ti-ger."

 

"Ga-a."

 

Ich freute mich, wie gut ihr das Buch gefiel.

 

"Oh, das ist ja ein schönes Buch, vielen Dank Hedwig. Das wäre doch nicht nötig gewesen."

 

Peinlich berührt stand ich wieder von der Babydecke auf.

 

Was sollte ich denn dazu sagen? Dass ich diese alten Baby-Sachen doch sowieso nicht mehr brauchte?

 

Pff, machte Ypey.

 

"Von diesen kleinen Sachen kann man doch immer wieder etwas Neues gebrauchen", meinte ich schließlich lahm.

 

Wir setzten uns an den Couchtisch und Linda schenke Kaffee ein und gab jeder von uns ein Stück selbstgebackenen Pflaumenkuchen.

 

Da kamen unsere Söhne herein.

 

"Mama, dürfen wir auch ein Stück Kuchen?", fragte Richard von der Tür aus.

 

Feanor, der schon am Tisch stand und seine Hand nach der Kuchenplatte ausgestreckt hatte, hielt inne und starrte Richard ungläubig an.

 

Oje, sind die unterschiedlich, dachte ich traurig.

 

Aber Ypey amüsierte sich.

 

Immerhin merkt er den Unterschied auch, freute sie sich.

 

Das ist nicht lustig, fand ich.

 

Doch, kicherte Ypey.

 

Sie war ja auch nicht verantwortlich für den kleinen Satansbraten.

 

Linda gab den beiden ein Stück Kuchen und von der Sahne und Apfelschorle. Nachdem sie gegessen hatten - Richard ordentlich und vorsichtig, Feanor so, dass die herunterfallenden Zwetschgen und Sahnekleckse Spuren auf seinem T-Shirt hinterließen - gingen sie in den Garten.

 

Ich atmete auf, als Feanor draußen war.

 

Linda und ich lächelten uns an und begannen, uns gesittet über die belanglosen Charakteristika unseres Lebens zu unterhalten.

 

Ich erkundigte mich nach ihrem Mann, nach Kirstens Entwicklungsschritten, wie lange sie hier schon wohnten.

 

"Was macht dein Mann, Hedwig?", fragte Linda dann mit diesem Gesichtsausdruck höflichen Interesses, denn die Menschen manchmal bekommen, wenn sie sehr bewusst nach Details aus deinem Leben fragen, weil sie dadurch glauben, dich besser kennenlernen zu können. Vermutlich hatte ich den gleichen Gesichtsausdruck vorher gehabt.

 

Jetzt gerade spielt er vermutlich Bundesliga Manager, dachte ich und sagte: "Er hat Anfang des Jahres in einer neuen Firma angefangen. Er ist da als IT Spezialist tätig und auch häufig unterwegs, um die Software der Firma zu betreuen, wo sie angewendet wird."

 

"Dann ist er oft weg?"

 

Lindas Stimme war ganz sanft, irgendwie regte mich das auf.

 

"Ja, es ist ja nicht so, als würde Feanor mich noch sehr viel ..." fordern? doch fordern tut er mich schon "brauchen", schloss ich also. Aber das war eigentlich auch falsch, brauchen tat er mich auch noch.

 

"Ist es anstrengend für dich, Hedwig, wenn Robin so viel weg ist?"

 

"Nein, nein, eigentlich nicht. Es war nur jetzt mit dem Umzug alles etwas viel. Ich..."

 

Ich brach ab. Mit minimalem Kopfschütteln nahm ich lieber eine Gabelvoll von dem süßen Zwetschgenkuchen. Linda hatte ihren Kopf schief gestellt und betrachtete mich mit einem nachdenklichen Lächeln. Ich hatte plötzlich ein Bild von Ypey in meinem Kopf, wie sie die Mimik von Linda kopierte. Du ...?, machte Ypey mit einer honigsüßen Imitation der Stimme meiner Nachbarin, Was wolltest du gerade noch sagen?

 

Ich hielt meine Augen auf dem Kuchen, damit Linda nicht eventuelle Gefühlsschwankungen unter meinen zuckenden Lidern mitbekam. Ich war irritiert von Ypeys heuchlerischer Sanftheit. Gleichzeitig hatte sie den Effekt, dass ich wirklich sagen wollte, was ich gerade nicht über die Lippen gebracht hatte. Wenigstens Ypey konnte ich es sagen.

 

Ich bin total ausgebrannt, dachte ich matt.

 

Warum sagst du ihr das nicht?, fragte Ypey, wieder in ihrem gewohnten Tonfall.

 

Ich sah kurz in Richtung der Treppe zum Kinderzimmer, dann hinaus in den Garten.

 

So etwas sagt man doch nicht, meinte ich unzufrieden, hin und her gerissen, irgendwie war mir das alles zu schal hier.

 

Linda schenkte Kaffee ein.

 

Ich lächelte sie fröhlich an.

 

Ypey grunzte verächtlich.

 

Ich bin die Diebin, kommentierte sie. Aber du! Du bist die Unehrlichkeit in Person.

 

Ich wurde von der Pflicht weiterzureden enthoben, als Richard und Feanor wieder herein kamen. Mein Sohn rannte mit seinen erdigen Schuhen in die Wohnung, bis ich ihn aufforderte, sie auszuziehen. Richard hatte seine schon ordentlich an die Seite gestellt.

 

"Können wir noch mehr Kuchen?", fragte Feanor, während er an seinen Schuhen zog ohne sie zu öffnen, da hörte ich das Wasser laufen, weil Richard sich schon im Badezimmer die Hände wusch.

 

"Geh auch erst mal Hände waschen", forderte Linda Feanor nett auf.

 

Feanor grunzte rebellisch.

 

"Nö", meinte er.

 

"Feanor, geh bitte Hände waschen", sagte ich. Vielleicht überhörte Linda die Panik in meiner Stimme, Feanor tat es nicht.

 

"Geh doch selber Hände waschen!"

 

"Feanor, wenn du noch ein Stück Kuchen essen willst, dann geh jetzt bitte Hände waschen!"

 

"So lecker ist der Kuchen auch nicht."

 

Ich schloss die Augen.

 

Warum tut er mir das an? Warum muss er mich so bloßstellen?, dachte ich verzweifelt.

 

Wie kommst du darauf, dass er das macht?. erwiderte Ypey.

 

Häh?

 

Er stellt dich nicht bloß, er macht nur, was ihm gerade passt. Ist doch toll. Guck ihn dir an. Er denkt selbst!

 

Mittlerweile sah Feanor seine Hände an. Ich hatte keine Ahnung, was sie da draußen gemacht hatten, aber es klebte eine dicke Schicht Sand an seinen Handinnenflächen. Er zuckte die Schultern und lief ins Badezimmer und wenig später hörte ich wieder den Wasserhahn.

 

Während sie also ihre zweiten Stücke Kuchen aßen, betrachtete ich die beiden nachdenklich.

 

Richard war seiner braven Frisur treu. Er war ein Engel. Ein richtiger Schatz. Er bedankte sich und sagte artig, wie lecker er den Kuchen fand.

 

Feanor war nicht seiner Frisur, sondern seinem Namen treu. Er war ein Feuergeist. Auch er zog sich bei uns mittlerweile die dreckigen Gummistiefel aus, wenn er herein kam, aber nur, um sie in hohem Bogen durch die Wohnküche zu werfen. Wenn er gut gelaunt war. Wenn er schlecht gelaunt war, zielte er auf mich. Er zeterte, wenn er Hände waschen sollte, und sparte nicht mit "Bäh!" und auf den Boden gepfefferten Butterbroten.

 

Ich liebte ihn.

 

Manchmal packte mich die Eifersucht, eine brennende Missgunst, dass andere Eltern ein 'einfaches' Kind hatten und ich ein so schwieriges, das bockte, sobald es ein Ge- oder Verbot witterte, was er eine Meile gegen den Wind tun konnte.

 

Aber immer, wenn dieser nagende Wurm der Eifersucht meine zarte Schale zu durchbrechen drohte, stoppte ich ihn, indem ich mir sagte, dass ich keinen dressierten Affen wollte.

 

Du hast schon recht, gestand ich Ypey zu. Es hat auch etwas Gutes, dass er so aufsässig ist. Schließlich habe ich seine Karriere schon geplant.

 

Ach. Und was wird er?

 

Revolutionär.

 

Die beiden trollten sich in Richards Zimmer und wieder schien mir die Luft plötzlich klarer und leichter einzuatmen zu sein.

 

"Du hattest gerade von deinem Umzug erzählt", nahm Linda den Faden wieder auf. "Es ist schwierig auszuhalten, wenn alles so unordentlich ist, nicht wahr?"

 

"Ach, so schlimm ist das gar nicht", antwortete ich. "Ich habe zehn Jahre in einer WG gewohnt, in der wir uns deutlich länger darüber auseinander gesetzt haben, wie wir denn nun den Putzplan organisieren, als tatsächlich zu putzen."

 

Linda wusste schon wieder nicht, ob ich scherzte oder nicht.

 

Aber ich war zufrieden. Das war ehrlich gewesen.

Y_sea

04. September

Die Spitze der Kugelschreibermine glitt über das karierte Papier meines Notizblocks und formte ein klar umrissenes Dreieck mit ausfließenden Spitzen.

 

"Letzte Woche bin ich von der Konferenz aus Neu Delhi zurück gekommen", erzählte Inga der Arbeitsgruppe. "Neu Delhi war total toll! So große Gegensätze, aber ich hatte nur ganz wenig Zeit mir die Stadt anzugucken. Die Konferenz war auch gut."

 

Ich setzte den Stift neu an und zeichnete weitere Striche, ein weiteres Dreieck.

 

"Ich bin noch mit der Organisation des Workshops nächste Woche beschäftigt", erzählte Karl. "Ich habe eine Auflistung erstellt, an was man alles denken muss, wenn man einen Workshop plant, vielleicht braucht das mal jemand."

 

Noch ein paar Striche und - siehe da! - es wurde eine Katze.

 

Ich freute mich. Ich zeichnete gerne.

 

Warum bist du hier?, fragte Ypey.

 

Ich arbeite hier. Ich bekomme Geld für das, was ich tue.

 

Du bekommst Geld dafür, dass du Katzen zeichnest, während andere Leute erzählen, auf welchen Konferenzen sie waren?

 

Nein!

 

Ich schmunzelte und konzentrierte mich auf Ingrid, die gerade von ihren Problemen beim Überarbeiten eines Papers sprach, das sie für einen Workshop in Maastricht eingereicht hatte.

 

Was machst du dann hier?

 

Es gehört dazu, dass ich darüber bescheid weiß, wer in meiner Arbeitsgruppe was macht. Wir arbeiten ja zum Teil am gleichen Projekt.

 

Und dazu musst du wissen, wer gerade in welche Stadt geflogen ist?

 

Ich zuckte mit den Schultern. Ingrid schaute irritiert rüber und ich blickte schnell auf die Katze auf meinem Notizblock. Ich nahm mir vor, nicht mehr mit äußerlichen Reaktionen auf Ypey zu antworten.

 

Der wissenschaftliche Austausch findet im wesentlichen auf Konferenzen statt.

 

Warum klingt das so auswendig gelernt?

 

Die Spitze meines Kugelschreibers hatte schon wieder einen Bogen auf die Karos gemalt, aber ich stoppte ihn. Es hatte ein Zwiebelturm werden wollen, in meinem Kopf war er schön orange mit gewundenen Linien, die sich spiralenförmig bis zur Spitze schraubten, die mit einer goldenen Kugel gekrönt war. Was wusste ich, wie die Türme in Neu Delhi aussahen.

 

Ich glaube, ich fahre nicht so gerne auf Konferenzen. Nein warte. Ich glaube, ich würde auch gerne nach Neu Delhi fahren und nach Bali und nach Prag und wo sie alle hin gehen. Aber ich kriege nicht mehr als ein oder zwei Konferenzen pro Jahr hin. Und wenn ich dann da bin, ist es oft ganz komisch, weil ich kaum Kontakt bekomme. Das, was man da machen soll. Kontakte knüpfen.

 

Hörst du denen da auch so gut zu, wie deiner Arbeitskollegin gerade?

 

Ich seufzte--- und nahm schnell einen Schluck Wasser, damit die Leute den Seufzer nicht für Langeweile hielten.

 

Nein. Selbst wenn ich da bin, bin ich zur Hälfte mit meinen Gedanken immer zuhause bei Feanor.

 

Ich bin verwirrt, gestand Ypey. Willst du jetzt auf Konferenzen oder nicht? Musst du oder nicht? Musst du wissen, wer wo war?

 

Was weiß ich. So langsam wurde ich ärgerlich. Sie legte zu viele Finger auf zu viele Wunden.

 

Eine Zeitlang ging mein Austausch mit Ypey in der Darstellung des Paradigmenwechsels unter, den Wilhelm, mein Chef, auf seiner letzten Konferenz in Aberdeen bemerkt hatte.

 

Als ich der durchaus interessanten Analyse des Verhältnisses von Wissenschaftlichen Dia- und Prognosen zur politischen Realität nicht mehr folgen konnte, antwortete ich ihr doch noch.

 

Ich glaube, ich hätte gerne die Freiheit, zu spannenden Konferenzen zu fahren, die Lust, die Menschen dort näher kennenzulernen, die Muße, mich mit ihren wissenschaftlichen Ansätzen auseinanderzusetzen und die Selbstsicherheit, gelassen zu bleiben, wenn ich meine Arbeit dort der Kritik der anderen aussetze.

 

Mit dieser Diagnose war ich ganz zufrieden.

 

Ypey auch. Das spürte ich.

 

Warum machst du das dann nicht so?, fragte sie. Natürlich. Sie machte immer, was sie wollte.

 

Ich schnaubte und wandelte es fließend in ein Husten um. Niemand schien es zu bemerken.

 

Nehmen wir nur das erste, antwortete ich ihr entgeistert. Die Freiheit. Jemand muss sich um Feanor kümmern. Robin muss weg können, wenn es in der Firma brennt. Wie soll ich ein halbes Jahr vorher wissen, ob ich in einer bestimmten Woche kann?

 

Haben die anderen keine Kinder?

 

Ich schaute die Runde entlang.

 

Doch. Zwei. Mit mir drei von achtzehn. Plus eine Kollegin, die gerade in Mutterschutz ist, jetzt vielleicht schon in Elternzeit.

 

Aber ab und zu gehst du. Was ist mit der Lust, Leute kennenzulernen?, hakte Ypey nach.

 

Wieder sah ich mich um und musterte meine Kolleginnen und Kollegen.

 

Sie trafen sich manchmal. Zu Spieleabenden. Zu gemeinsamen Ausflügen. Zum Mittagessen. Und dann sprachen sie über ihre Hobbies. Sie sprachen über Politik. Sie sprachen über ihre beruflichen Pläne. Niemand von ihnen konnte mit Rollenspielen etwas anfangen, also erzählte ich nichts davon. Niemand von ihnen konnte meinen pamphletischen Ausbrüchen über aktuelle Tagespolitik etwas abgewinnen, also hatte ich sie eingestellt, statt die Mittagessen zu Streitgesprächen werden zu lassen. Ich selbst hatte keine großen beruflichen Ambitionen, ich wollte einfach gute Wissenschaft machen. Die Karrierepläne der anderen hinterließen in mir ein flaues Gefühl, als hätte ich etwas vergessen. Also hörte ich schweigend zu, wenn sie über Kanutouren, die Verwendung der Studiengebühren oder die wichtigen Leute redeten.

 

Warum, Ypey?, fragte ich sie traurig. Warum sollte ich viel mit Leuten zu tun haben, die nur dann Gemeinsamkeiten zu mir sehen, wenn ich mich verstelle?

 

Sie gab keine Antwort.

 

Aber ich spürte ihre Präsenz.

 

Und fand sie tröstlich, bis---

 

Akzeptierst du sie denn so, wie sie sind?

Y_sea

02. September

Am nächsten Morgen saß ich zwischen den vielen anderen Eltern in der Schulaula, mein Mann Robin auf der einen Seite, eine Mutter auf der anderen.

 

Der Schulleiter machte eine kurze Ansprache, betonte die Wichtigkeit des neuen Lebensabschnitts, in den unsere Kinder nun einstiegen. Dann rief er ein Kind nach dem anderen auf. Alphabetisch.

 

Wieso war ich so nervös?

 

"Feanor Schulz."

 

Ich schluckte.

 

Mein Sohn wurde von einem älteren Schüler, seinem Schulpaten, auf die Bühne zu den zwei Dutzend anderen Kindern geführt. Er bekam eine Sonnenblume in die Hand und stand dort glücklich und unsicher zugleich.

 

Verstohlen wischte ich mir die Tränen aus den Augen. Ich wusste nicht - und weiss immer noch nicht -, woher die Rührung kam. Er war sechs. Es gibt Schulpflicht. Als ich dem noch selbst unterworfen war, hatte ich Schule immer gehasst. Jetzt hielt ich sie für eine der Hauptinstitutionen, die soziale Ungleichheit fortschrieben und aus kreativen Menschen hirnlose Verwertungsobjekte machten. Aber da waren sie, die Tränen. Da war er, mein Sohn. Sechs! Ich schluckte noch einmal. Eine Träne tropfte in meinen Schoß.

 

Der Schulleiter verriet der neuen ersten Klasse den Namen ihrer zukünftigen Klassenlehrerin und forderte sie dann auf, sie gemeinsam zu rufen.

 

"Frau Weigelt", sagten einige der Kinder zaghaft.

 

"Oh, ich glaube, das hat sie noch nicht gehört", sagte der Schulleiter freundlich.

 

"Frau Weigelt", riefen schon mehr Kinder.

 

"Noch ein bisschen lauter."

 

"Frau Weigelt", hallte es durch die Aula und eine junge Frau stand auf und schritt mit einem strahlenden Lachen auf ihre neue Klasse zu.

 

Ich schniefte und strich mir die Tränen von den Wangen.

 

Die Frau neben mir reichte mir ein Taschentuch.

 

Ich lachte auf und nahm es dankbar an und wischte mir die Augen.

 

Dann sah ich sie an und sie heulte auch.

 

Offensichtlich war es wasserfeste Wimperntusche, mit der sie ihre Augen akzentuiert hatte, da sie nicht verlief, als sie sich selbst vorsichtig die Tränen unter den Augen abtupfte. Das sanfte Tupfen tat ihrer gepflegten Erscheinung keinen Abbruch. Als ich ihr grausilbernes Kostüm und die perfekte Pagenschnittfrisur betrachtete, kam ich mir etwas underdressed vor, mit verwaschener Jeans und T-Shirt. Hätte ich mich für die Einschulung feiner anziehen müssen?

 

Na, du verstehst es echt, einen zauberhaften Moment zu ruinieren, vernahm ich Ypeys Stimme in meinem Kopf.

 

Du bist noch da?, erwiderte ich unsicher.

 

Klar, so aus meiner Perspektive ist dein Leben doch nicht so langweilig, wie es erst aussah, als du vor dieser eckigen Kristallkugel saßt und mit erstaunlicher Fingerfertigkeit die magischen Kontrollen bedient hast.

 

Tu nicht so, gestern hast du genau gewusst, was Java-Klassen sind, da brauchst du meinen Computer nicht mit Fantasy-Ausdrücken zu beschreiben.

 

Sie lachte.

 

Mittlerweile hatte Frau Weigelt die Klasse von der Bühne geführt und sie zu ihrer allerersten Schulstunde mitgenommen. Wir Eltern und Großeltern und wer noch alles da war durften Kaffee trinken und das erste Beschnuppern hinter uns bringen.

 

Die Frau, die mir ein Taschentuch gereicht hatte, schob einen Kinderwagen, der an ihrem Ende der Stuhlreihe gestanden hatte, an den Rand der Aula, so dass er dem Strom der Menschen, der zur Kuchentheke pilgerte, nicht im Wege stand.

 

"Guten Tag, ich bin Hedwig Schulz", begrüßte ich sie. "Danke für das Taschentuch zur rechten Zeit."

 

"Linda Berger", antwortete sie. "Sie sind gerade gegenüber von uns eingezogen, nicht wahr?"

 

"Oh, tatsächlich? Ja, der Kinderwagen ist mir schon ein paarmal aufgefallen. Aber ich hatte noch keine Zeit, mich gegenüber vorzustellen", sagte ich entschuldigend. "Nebenan habe ich schon mal angeklopft, aber \dots"

 

"Umzüge sind anstrengend, nicht wahr?", half sie mir aus.

 

Ich stimmte eifrig zu.

 

"Wann seid ihr eingezogen, Anfang August?", fragte sie und während ich nickte, machte ich mir sofort Vorwürfe, dass ich schon seit fünf Wochen da wohnte und immer noch nicht die Nachbarn kannte. Ich machte mir auch Vorwürfe, dass es immer noch nicht viel besser aussah, in unserem neuen Häuschen, als am Umzugstag.

 

"Das ist mein Mann Robin", stellte ich ihn vor, weil ich das Thema wechseln wollte und er gerade unschlüssig neben mir stand und zur Kuchentheke schielte.

 

Die beiden gaben sich die Hände.

 

"Sollen wir uns gleich Duzen?", bot Linda an und ich nahm es dankbar an.

 

"Ich gehe uns Dreien mal Kuchen holen", sagte Robin und verschwand.

 

"Wie heißt denn euer Kind?", fragte Linda mich.

 

"Feanor."

 

"Feanor? Das ist ja ein schöner Name", sagte Linda höflich. "Woher kommt der?"

 

"Aus dem Silmarillion", erwiderte ich. Als ich ihren leeren Blick gewahrte, fuhr ich fort: "Das ist die mythische Sagenwelt, auf die der Herr der Ringe aufbaut. Feanor ist der, der die Silmaril geschmiedet hat und die Elben entzweit." Irgendwie ahnte ich, dass sie das so genau gar nicht wissen wollte. Also fügte ich bodenständiger an: "Es war ganz schön schwierig, das Meldeamt dazu zu bekommen, den Namen zu akzeptieren. Von meinem Mann ganz zu schweigen."

 

Sie lächelte erleichtert. Die letzten beiden Sätze hatte sie wieder verstanden.

 

"Und, Linda, wie heißt dein Kind?", fragte ich nach, obwohl ich vermutete, dass ich es in der Klassenliste hätte sehen können.

 

"Richard", antwortete sie.

 

"Richard", wiederholte ich lächelnd und dachte den Namen dann noch einmal, diesmal auf englisch und freute mich, dass die Legend Of The Seeker Fernsehserie gedreht wurde.

 

"Und du bist Kahlan", sagte ich albern zu dem kleinen Baby, das mich mit hübschen, feuchten Augen aus dem Kinderwagen heraus anstrahlte. Ich wusste ja, dass dem Baby die Worte egal waren, solange die Emotionen stimmten. Der Mutter nicht.

 

"Das ist Kirsten", sagte Linda reserviert und als ich mich wieder aufrichtete, um sie anzusehen, hatte sie kurz die Augen zusammengezogen. Natürlich hatte sie mit meiner Bemerkung nichts anfangen können.

 

Kirsten, Kirsten, Kirsten, dachte ich panisch und grabschte in meinem Geist wild umher, um einen Fantasy-Roman zu finden, in dem eine Kirsten vorkam. Ich fand keinen. Ich fand keinen!

 

Innerlich seufzend drehte ich mich wieder zu dem Baby um und sagte sanft: "Hallo Kirsten!"

 

Dabei hoffte ich, dass sie nicht das Bedauern in meiner Stimme hörte, weil sie einen so wenig referenzierenden Namen hatte.

 

Hey, schaltete sich Ypey protestierend ein. Es ist nicht so, dass `Ypey' in irgendeinem Roman vorkommen würde, oder?

 

Nein. Aber hör mal zu: 'Y-pey'. Der Name klingt auch so nach Abenteuer und Zauberei. Ich meine zwei Ypsilon!

 

Ypey kicherte und ich verkniff mir ein Grinsen, das Linda sicherlich weiter entfremdet hätte.

 

"Linda, ich würde dich gerne am Sonntag Nachmittag zum Kaffee einladen."

 

"Das ist aber nett. Ich komme sehr gerne. Ich bringe auch gerne einen Kuchen mit."

 

"Nein, nein, lass nur. Ich mache Waffeln. Einen Kuchen kann ich noch nicht backen, weil wir noch keinen Backofen haben, aber den Umzugskarton mit dem Waffeleisen habe ich schon gefunden."

 

Sie sah mich irritiert an. Vermutlich wusste sie nicht, ob ich einen Witz gemacht hatte oder nicht. Aber ich meinte es völlig ernst. Ich hatte unter den 30 Kartons mit Küchendingen den mit dem Waffeleisen schon gefunden. Es war einer von den großen weißen und ich wusste genau, wo er stand. Drei Kartons standen in dem Stapel darüber, aber die konnte ich schnell mal beiseite räumen.

 

Als ich nicht selbst über meine Bemerkung lachte, setzte sie ein geschultes Lächeln auf.

 

"Wie wäre es, wenn du zu mir kommst?", schlug sie vor. "Dann hast du weniger Stress, wo du doch gerade erst umgezogen bist."

 

Ich holte Luft, um zu protestieren.

 

"Du kannst mich dann ja eine Woche später einladen", verhinderte sie meinen Protest.

 

"Äh, na gut." Jetzt kam ich mir so vor, als hätte ich mich bei ihr eingeladen. Aber das sagte ich nicht. Stattdessen stellte ich mir vor, wie Kirsten zwischen den wackeligen Kartonstapeln sitzen würde. "Vielleicht ist das wirklich besser."

 

Puh.

Y_sea

01. September

Ypey rannte mit den anderen durch den dunklen Gang.

 

"Das solltest du aber noch mal üben!", keuchte Morien neben ihr.

 

Eine magische Sirene heulte laut und deutlich. Ypey antwortete nicht. Die Fackel in Moriens Hand stieb ihr glühendes Gas nach hinten. Fast ging sie aus. Er hatte recht. Die Falle eben hatte Ypey übersehen. Wo war der magische Alarm ausgelöst worden?, fragte sich Ypey, während sie an das Ende des kurzen Ganges kam. Das Licht von Moriens Fackel flackerte über eine Eichentür. Eiserne Beschläge. Rostiges Schloss. Die Dietriche hatte Ypey noch in der Hand. Keine Zeit zum Fallen suchen. Gleich würden die Wachen hier sein, dafür sorgte der Alarm. Reichte die Zeit? Die Finger in den schwarzen Samthandschuhen wählten zielsicher den richtig geformten Metallhaken, einen Draht, leicht gebogen. Vorsichtiges Einführen in die heilige Öffnung des Schlosses. Vielleicht ein bisschen Öl? Klick---

 

Mit einem Knall sprang meine Bürotür auf und mein Kollege Florian kam herein. Ich erschrak jedes Mal, wenn er so ins Büro platzte, vor allem dann, wenn ich gerade nicht unbedingt arbeitete, sondern spielte oder etwas las, das nichts mit dem Job zu tun hatte, oder -- wie gerade -- das letzte Rollenspielen gedanklich Revue passieren ließ.

 

"Moin Hedwig", sagte er fröhlich, "wie war dein Wochenende?"

 

"Gut", antwortete ich kurz angebunden, weil ich versuchte, mein Herzklopfen und Zusammenzucken zu verbergen. Aber meine Rollenspiel-Erlebnisse würden ihn sowieso nicht interessieren. "Und deins?"

 

"Ich war in Köln bei einem ehemaligen Mitwohni. War super."

 

Ich grunzte zustimmend und wendete mich wieder meinem Computer zu. Eclipse hatte ich immerhin schon gestartet und es zeigte mir dankenswerterweise die Datei, an der ich am Freitag aufgehört hatte zu arbeiten. Ach ja, dachte ich, es geht um die Builderklasse für das zweite Modell, die ich mit der des ersten Modells so abgleichen will, dass ich beide von einer gemeinsamen Basisklasse ableiten kann. Ich schlug Design Patterns auf und versuchte mir zum x-ten Mal die Logik hinter Builder zu vergegenwärtigen. Das hatte schon letzten Freitag nicht gut geklappt. Jetzt war mein Geist voll mit schwarzen Samthandschuhen, die aus dem großen Bund Dietriche mit feinfühligen Fingerspitzen den Richtigen heraus suchten, für das Schloss der Ebenholztruhe mit den Messingbeschlägen, die in der kleinen Kammer hinter der Eichentür gestanden hatte. Die Finger fanden den Stab mit dem Doppelbart, der passen könnte, probten vorsichtig in das Schloss hinein. Wieder war keine Zeit, um nach Fallen zu suchen. Ich konnte schon die Schritte der Wachen durch den Gang hallen hören. Ein feines Klicken und der Deckel der Ebenholztruhe sprang auf, wie der Deckel meines MacBooks---

 

Das war natürlich Quatsch, dachte ich. Wieso sollte der Deckel einer Holzkiste aufspringen?

 

Ich starrte auf die aufgeschlagene Seite von Desing Patterns. Alles, was ich verstand, war die Seitenzahl.

 

Frustriert sah ich lieber nach Emails und lächelte, als ich eine von Tarek fand, der mir schon heute morgen geschrieben hatte. Tarek war unser Spielleiter und hatte Ypey und ein paar andere im Auftrag von Ypeys Diebesgott in das Anwesen eines reichen und verhassten Kaufmanns geführt. Nervenkitzel. Reiche Beute. Und eine beunruhigende Information über den Abt des örtlichen Klosters.

 

Ich antwortete, erleichtert, dass der Builder noch warten musste, und wir fanden uns im Chat.

 

>Tarek: Hedwig, wie geht's. Bist du gut nach Hause gekommen?

 

>Hedwig: Klar bin ich gut nach Hause gekommen. Danke fürs Leiten. Es war superspitze. Nach solchen Wochenenden habe ich echt Schwierigkeiten, mich auf meinen Job zu konzentrieren. Geht dir das auch so?

 

>Tarek: Ne, natürlich nicht, deswegen chatte ich mit dir, anstatt den Text für das Seminar gleich zu lesen...

 

>Hedwig: Haha, ich meine das ernst. Ypey wirkt auf mich so viel lebendiger. Ihr Leben ist so viel reicher als meins.

 

>Tarek: Ich weiß genau, was du meinst. Versuch doch mal, dir vorzustellen, wir Ypey mit deinem Job klar kommt.

 

Ich lachte. Und ignorierte Florians Blick.

 

>Hedwig: Nette Vorstellung.

 

>Tarek: Ich muss los in die Uni. Viel Spaß bei der Einschulung. Morgen, richtig?

 

>Hedwig: Genau. Danke. Bis dann.

 

 

Die Einschulung! Morgen war die Einschulung meines Sohnes.

 

Aber das war nicht der Gedanke, der sich wie eine Klette in den Wirren meines Kopfes festgesetzt hatte.

 

Was würde Ypey von meinem Leben halten? Ich grinste vor mich hin. Na, Ypey, wie fändest du das hier?

 

Na, offensichtlich genauso totlangweilig, wie du.

 

Ich prustete leicht. Florian sah herüber, aber ich reagierte nicht auf ihn, sondern richtete meine Augen auf die aufgeschlagene Seite des Buches, um mir den Anschein zu geben, ich würde arbeiten.

 

Na schön, dachte ich mild herausfordernd. Und was würdest du an meiner Stelle tun?

 

Hm, dachte Ypey in meinem Kopf. Lass mal sehen. Wie wäre es, wenn du nicht die Builder Klasse, sondern die Builder Methode nimmst.

 

Was?

 

Ich blätterte um. Ich ließ meine Augen über die Seiten gleiten, las über die Unterschiede, wann das eine und wann das andere angebracht war. Das war es. Sie hatte recht.

 

Das ist die Lösung. Wie bist du darauf gekommen?

 

Alles hier drin, erwiderte Ypey selbstzufrieden. In dem Dickicht deiner Gedanken. Du musst dich nur ein bisschen besser zurecht finden.

 

Kopfschüttelnd begann ich mit den Änderungen im Programmcode.

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