Von Kammerzofen und Kröten
Eine Kurzgeschichte aus der Gilde zum Weißen Stein
Auf den Gängen wird Fußgetrappel laut, während die hungrigen Novizen und ihre Lehrmeister zu den Speiseräumen strömen.
Tylah hat keinen Hunger. Erst vor zwei Stunden wurde sie unsanft von der fetten Frau Argithson wach gerüttelt, um pünktlich mit der Arbeit zu beginnen. Frau Argithson konnte manchmal richtig gemein sein. Neulich erst hatte sie Tylah einen vollen Eimer kalten Putzwassers über den Kopf geschüttet, als das Mädchen nicht schnell genug aus den Federn gesprungen war.
Wütend schnaubend streicht Tylah eine hartnäckige Strähne ihrer kinnlangen, dunkelbraunen Haarpracht hinters Ohr zurück. Wie sie Frau Argithson hasst!
„Die alte Vettel hat mich ganz sicher auf dem Kieker!“ denkt die Kammerzofe verbittert und schüttelt das Kissen auf dem Bett vor sich aus.
Um diese Zeit des Tages geht sie stets die Zimmer der Novizen ab, um zu fegen, die schmutzigen Kleider in die Waschküche zu bringen, das Bett zu machen und Kissen auszuschütteln.
Als sie fertig ist, platziert sie noch ein duftendes Rosenblütenblatt auf dem Kissen und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Endlich geschafft.“ Seufzt sie dankbar und schnappt sich den Besen, um ihn in die Kammer fürs Putzmaterial zurückzustellen. Dieses Zimmer ist das Letzte auf ihrer täglichen Route, nun hat sie sich eine kleine Pause redlich verdient.
Summend wendet Tylah sich zum Gehen, bleibt aber unschlüssig stehen, als ihr ein aufgeschlagenes Buch ins Auge fällt, das halb unter dem Bett hervorlugt. Hat sie es etwa beim Fegen vom Tisch gestoßen? Tylah schüttelt den Kopf – so unachtsam ist sie normalerweise nicht.
Langsam geht sie in die Hocke und hebt das Buch auf. Es kribbelt in ihren Fingerspitzen, dann lösen sich ein paar der schwarzen Lettern und springen – einfach so! – auf ihre Hand über.
Das Mädchen stößt einen erschrockenen Schrei aus und lässt das Buch wieder fallen. Ängstlich betrachtet sie die kleinen Symbole, die nun auf ihren Fingerkuppen prangen. Es tut nicht weh, versetzt die Ärmste aber in helle Panik.
„Was ist das? Was ist nur passiert? HILFE!“ kreischt sie verzweifelt und streckt die gezeichnete Hand so weit von sich, wie sie kann.
„HILFE!“ ruft sie erneut und sinkt dann leise schluchzend zu Boden.
Eine Weile hockt das Mädchen jämmerlich weinend auf dem kalten Stein des Fußbodens, bis schließlich die Tür aufgeht und ein Novize in den üblichen, braunen Gewändern hereinschaut. Tylah ist viel zu aufgebracht, um jetzt aufzusehen, ansonsten hätte sie seine verwirrte und unsichere Miene sicher bemerkt.
„Ähm...geht es dir gut? Hast du um Hilfe gerufen?“ erkundigt sich der junge Mann vorsichtig und schiebt sich zögernd ins Zimmer. Dann schließt er die Tür behutsam.
Endlich blickt Tylah auf. Der Novize ist vielleicht ein paar Jahre älter als sie selbst, groß gewachsen und schwarzhaarig. Er sieht zwar nicht besonders hübsch aus – Tylah hat schon stattlichere Novizen und Magier gesehen – aber sein freundliches Lächeln und der Blick, mit dem er sie betrachtet, machen ihn ihr gleich sehr sympathisch.
Tylah schluckt die Tränen tapfer runter und lässt sich von ihm aufhelfen.
„Danke. Ich...ich habe Angst. Das Buch da hat meine Finger...verzaubert.“ schüchtern sucht sie in seinen Zügen nach dem unvermeidlichen Tadel – Frau Argithson würde sie in der Luft zerreißen, wenn sie wüsste, dass Tylah ein Buch der Magier angefasst hat.
Aber der Novize tadelt sie nicht.
„Das Buch hat was getan? Ist ja merkwürdig.“ Er überlegt kurz. „Hmm, zeig mir mal den Übeltäter.“
Sie deutet darauf. Der Novize geht auf die Knie und beäugt das Buch neugierig. Schließlich zuckt er mit den Schultern und nimmt es auf.
„Nein! Nicht!“ ruft Tylah entsetzt und schlägt sich die Hand vor den Mund, an deren Fingerspitzen keine schwarzen Symbole kleben.
„Keine Sorge, mir fehlt nichts...“ murmelt der Novize und blättert ein wenig in dem Machwerk. Tylah beobachtet ihn eine Weile, bis es ihr zu bunt wird.
„Und nun? Was soll ich tun?“ will sie ungeduldig wissen.
„Was? Ach so...tja, keine Ahnung. Am besten fragst du einen der Magier...“
„Das geht nicht! Die verwandeln mich in eine Kröte!“ wieder kommen ihr die Tränen. Zitternd lässt sie sich auf den Boden zurücksinken und schluchzt herzerweichend.
Der Novize scheint damit leicht überfordert zu sein, ringt sich aber dennoch dazu durch, sie aufzumuntern.
„Ach was...warum sollten sie dich in eine Kröte verwandeln?“
„Weil...weil...weil es Magier sind!“
„Ist doch Quatsch. Ich bin auch irgendwann mal Magier und sei versichert – ich würde niemanden in eine Kröte verwandeln.“ Sagt er todernst.
Sie blickt auf. „Wirklich?“
Er nickt. „Wirklich! Kröten sind langweilig. Viel interessanter wäre doch eine Katze oder meinetwegen ein Wolfshund...“
Woraufhin Tylah wieder haltlos zu schluchzen beginnt. Der Novize erkennt seinen Fehler und schlägt sich mit der flachen Hand an die Stirn.
„Ach ich Trottel...Komm schon, das war doch nur ein Witz! Niemand verzaubert dich, dir wird nichts passieren.“
Aber nun ist Tylah zu hysterisch, um ihm noch zuzuhören. Mit einem Satz springt sie auf und rennt zur Tür hinaus. Der Novize ruft ihr noch etwas hinterher, aber da ist sie schon um die nächste Ecke und wird immer noch schneller.
„Novizen! Magier! Von denen lass’ ich mir nichts erzählen!“ denkt die junge Frau noch immer weinend und verkriecht sich schluchzend in einer Abstellkammer. Da über dieser kein leuchtender Stein hängt, wird auch niemand wissen, dass sie hier ist.
Auf dem Flur wird erneut Fußgetrappel laut, als die Bewohner der Gilde ihre Mahlzeit beendet haben und nun in die verschiedenen Lehrräume zurückkehren.
Tylah hat sich allmählich beruhigt. Müßig betrachtet sie im Licht einer flackernden Kerze ihre Finger und versucht die merkwürdigen Symbole zu entziffern. Natürlich gelingt es ihr nicht.
Seufzend erhebt sich das Mädchen, klopft den Staub von ihrem grauen Rock und macht die Tür zum Flur auf. Die Gänge sind wieder leer. Vorsichtig schiebt sie sich nach draußen und wandert nachdenklich in Richtung Gesindetrakt.
Auf halbem Weg kommt ihr Frau Argithson entgegen. Mit rotem Gesicht baut sich die alte Dame vor der nichtsnutzigen Kammerzofe auf.
„Was fällt dir eigentlich ein, du dummer Gör!“ schimpft die Alte sofort drauflos, ohne eine Antwort zu erwarten. Ängstlich weicht Tylah zurück.
„Da umsorgt man sie, gibt ihr zu Essen, teilt ihr die einfachen Räume zu, und womit dankt sie es einem?“ sie stemmt die Hände in die Hüften. „Indem sie sich vor der Arbeit drückt! Schäm dich, Tylah! Eine Woche Strafdienst im Labor für dich!“
„Nein, nicht im Labor!“ fleht Tylah entsetzt. Im Labor kann beim Saubermachen ALLES passieren!
„Doch, im Labor!“ triumphiert die herrische Alte und greift nach Tylahs Arm.
Als diese sich mit Händen und Füßen gegen den Griff wehren will, berührt sie aus Versehen mit den Fingerspitzen der gezeichneten Hand den bloßen Unterarm Frau Argithsons.
Ein Blitz, ein Knall und eine kleine Schockwelle, schließlich viel Rauch. Und da, wo eben noch die Oberkammerzofe stand, hockt nun eine hässliche, mit Warzen übersäte Kröte. Laut quakend hopst das Geschöpf von dannen, während Tylah nur ungläubig starren kann.
Als sie sich soweit wieder gefasst hat, um aufzustehen, fällt ihr Blick auf ihre Fingerspitzen. Die Symbole sind verschwunden. Erleichterung macht sich in dem Mädchen breit, als ihr klar wird, dass sie soeben zwei Probleme auf einmal losgeworden ist.
Zum einen ist sie die merkwürdigen Zeichen los. Und zum anderen Frau Argithson.
Fröhlich pfeifend klopft sie sich erneut den Staub aus den Kleidern, blickt verstohlen um sich und macht sich dann wieder auf den Weg in ihr Quartier. Für heute dürfte sie ihre Arbeit beendet haben. „Und morgen,“ nimmt sich Tylah fest vor „werde ich so lange schlafen, wie ich will!“
Als ihr das Bild der quakenden Oberkammerzofe in den Sinn kommt, schüttelt sie lachend den Kopf.
„Ich wusste es! In eine Kröte!“
Vielleicht schreibe ich noch eine Folge-Episode. Mal sehen.
LG Anjanka
Vielleicht schreibe ich noch eine Folge-Episode. Mal sehen.
Vielleicht schreibe ich noch eine Folge-Episode. Mal sehen.
Vielleicht schreibe ich noch eine Folge-Episode. Mal sehen.
LG Anjanka
Stilistisch gefällt es mir auch sehr, gestolpert bin ich nur über einen einzigen Satz "Mit rotem Gesicht baut sich die alte Dame vor der nichtsnutzigen Kammerzofe auf. " ... ängstlich, verwirrt, verdutzt, wie gelähmt dastehend - hätte ich verstanden, aber nichtsnutzig wirkt wie eine Charakterisierung durch Dich, die Autorin, nicht wie die Einschätzung der Oberkammerzofe.
Ansonsten: Toll
Kyilye
Gut erkannt!
@ all: Und es freut mich, dass es euch gefallen hat.
LG Anjanka
Naja ich denke eher Kyilye meint, dass der neutrale Erzähler den Begriff eigentlich nicht verwenden sollte. Das könnte den Leser verwirren.
Auf der anderen Seite mein ich, das so ein Stilmittel durchaus verwendet werden kann (finde gerade kein Beispiel, ich glaube in Balladen sowas durchaus schon gesehen zu haben). Wenn der Erzähler direkt zur Sichtweise der handelnden Person schwenkt, aber nicht extra erwähnt, dass es nun ihre Sichtweise ist.
Sind die Konsequenzen für den Leser dann so wie Du beschrieben hast dann passt es ja
Gruß
Neq
Stilistisch gefällt es mir auch sehr, gestolpert bin ich nur über einen einzigen Satz "Mit rotem Gesicht baut sich die alte Dame vor der nichtsnutzigen Kammerzofe auf. " ... ängstlich, verwirrt, verdutzt, wie gelähmt dastehend - hätte ich verstanden, aber nichtsnutzig wirkt wie eine Charakterisierung durch Dich, die Autorin, nicht wie die Einschätzung der Oberkammerzofe.
Ansonsten: Toll
Kyilye
Stilistisch gefällt es mir auch sehr, gestolpert bin ich nur über einen einzigen Satz "Mit rotem Gesicht baut sich die alte Dame vor der nichtsnutzigen Kammerzofe auf. " ... ängstlich, verwirrt, verdutzt, wie gelähmt dastehend - hätte ich verstanden, aber nichtsnutzig wirkt wie eine Charakterisierung durch Dich, die Autorin, nicht wie die Einschätzung der Oberkammerzofe.
Ansonsten: Toll
Kyilye